Nazionalbolschewismus

„Der Jude im Kommunismus kann allenfalls noch bestehen. Der Jude im national-bolschewistischen Staat ist ein Unsinn.“
Joseph Goebbels

Nationalbolschewismus ist ein Oberbegriff für verschiedene „nationalrevolutionäre“ Strömungen in der Weimarer Republik, die sich gegen den Versailler Vertrag aussprachen und auf ein militärisches Bündnis mit der Sowjetunion gegen die Westmächte hofften.

Querfront

Die Bezeichnung geht auf Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg zurück. Ihre politische Fraktion wurde auch als Hamburger Nationalbolschewismus bekannt (Hintergrund dazu Teil 1, Teil 2). Die beiden gehörten zunächst der KPD an, bei der Spaltung der KPD 1919 schlossen sie sich der eher rätekommunistisch orientierten KAPD an, aus der sie 1920 wieder ausgeschlossen wurden (weil die Rest-KAPD den nationalistischen Kurs nicht mittragen wollte).
Ein weiterer Protagonist des Nationalbolschewismus war Ernst Niekisch, der schon an der Münchener Räterepublik beteiligt war und später DDR-Politiker wurde.
Zum Thema „Nationalbolschewismus“ gibt es einige Bücher, darunter: Linke Leute von rechts, Die nationalrevolutionäre Minderheiten und Kommu­nismus in der Weimarer Republik von Otto-Ernst Schüddekopf, Stuttgart 1960 und Nationalbolschewismus und nationalrevolutionäre Bewegung in Deutschland. von Karl Otto Paetel, Göttingen 1965. Beide Werke gehen ziemlich unkritisch, bzw. affirmativ mit ihrem Gegenstand um, denn der Ernst-Jünger-Freund-Paetel ist selbst Nationalbolschewist. Nichtsdestotrotz vermitteln die Bücher ein deskriptives Wissen. Erwähnt wird dort auch die Querfrontstrategie von Teilen der KPD in der Weimarer Republik. Um nur einige Beispiele zu nennen, die Schlageterrede Karl Radeks, der Übertritt von Scheringer und anderen Nazis zur KPD oder die Programmerklärung der KPD zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes von 1930. Die zeitgenössische Kritik am Nationalbolschewismus (von kommunistischer Seite) kommt in den beiden Büchern nur am Rande vor. Die KAPD wollte Mitglied der 3. Internationale werden, von der Komintern wurde aber der Auschluss der Nationalkommunisten gefordert. In seiner Schrift „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ kritisiert Lenin auch Wolffheim und Laufenberg. Die rätekommunistische Strömung hatte aber auch unabhängig von der Komintern ein schwieriges Verhältnis zu den Nationalbolschewisten. So schrieb der niederländische Rätekommunist Anton Pannekoek über die KAPD:

„Mir erscheint, ihre Kritik des Nationalbolschewismus nicht nur sehr richtig sondern noch viel zu sanft. Sieunterschätzen das Übel das er anrichtet, da er prinzipiell die Grundgedanken des Kommunismus untergräbt,und sie werden m.E. nicht mit Laufenberg und Wolffheim zusammenbleiben können. Soll die KAPD zu einerführenden, richtungsgebenden Macht werden, die den revolutionären Massen in Deutschland eine festeKlarheit gibt, dann ist ein klarer Standpunkt gerade in der nationalen Frage absolut notwendig; und diesenmuß die Partei auf dem nächsten Kongreß festlegen.“
(Brief Pannekoeks in KAZ Nr. 112, 1920).

Aber auch innerhalb der KPD gab es zum Teil sehr heftige Kritiken an nationalistischen Strömungen und am offiziellen Querfrontkurs. Der radikale Pazifist Kurt Hiller bemängelte an das ZK der KPD:

„Ihr habt gehandelt, als hättet Ihr Nazi-Agenten in eurem Zentralkomitee, sehr gerissene, auf die Ihr hineingefallen seid. Dieses ZK ist z.K.“

Es gab zur gleichen Zeit aber auch Marxisten, die dem Nationalismus feindlich gesinnt waren, so schrieb Hans Litten, der in keiner Partei organisiert war, 1924 in der Zeitschrift des deutsch-jüdischen Wanderbunds:

„Der Götze von dem ich sprechen will, hat viele Namen. ,Vaterland‘, ,Staat‘, ,Volk‘, ,Nation‘ – unter diesen Namen betet man ihn an … Der Nationalwahnsinn beschränkt sich nicht mehr auf die Parteien, die das Vaterland auf ihr Reklameschild geschrieben haben – auch die ,Sozial‘demokratie ist davon erfasst, ja, bis weit in die Reihen der Kommunisten treibt er sein Unwesen. Wir dürfen da nicht mittun. … Einen Staat muss es bis auf weiteres geben. Wir benutzen ihn – dieser Gedanke stammt von Kurt Hiller – wie wir die Untergrundbahn benutzen. Keinem Menschen wird das Herz höher schlagen, wenn er an die Untergrundbahn denkt.“

Auch Erich Mühsam, der sich in jungen Jahren noch für den Ersten Weltkrieg ausgesprochen hatte zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges erst einmal nationalistische Gefühle herunterschlucken musste, machte in der Zeit des Schlageterkurses folgenden Tagebucheintrag:

„Es werden sich ja wohl in der „Roten Fahne“ entsprechende Kommentare noch einfinden, und dann muß sich zeigen, ob man endlich bereit ist,… die Bekämpfung des Faszismus international mit allen wirklichen Revolutionären zusammen zu betreiben, oder ob die Tatsache, daß die „Rote Fahne“ jetzt Radek und Reventlow schon gemeinsam zum Wort zuläßt und einen Nationalbolschewismus in Deutschland großzüchtet, an dem nur noch der Bolschewismus zweifelhaft ist.“

Das Phänomen des Nationalen Bolschewismus blieb nicht auf Deutschland beschränkt.
Aktuell gibt es die Nationalbolschewistische Partei Russlands um Alexander Dugin.

Auch in Japan gab es eine dem Nationalbolschewismus ähnliche Bewegung. In den 30er Jahren sammelte sich eine Strömung um Kita Ikki, die sich sowohl auf Hitler, als auch auf Lenin bezog und einen korporatistischen Staat anstrebte. Am 26 Februar 1936 fand unter Berufung auf dessen Ideen ein Putsch von Offizieren gegen den göttlichen Kaiser statt. Der Putsch schlug fehl, Kita Ikki und andere wurde hingerichtet. Hier werden Parallelen zum „Röhm-Putsch“ in Deutschland deutlich, mit dem Unterschied, dass es sich hier um einen wirklichen Putschversuch handelte. Ähnlich wie in Deutschland, wo „auf den zu konkreten und plebejischen „Antikapitalismus“ der SA 1934 verzichtet wurde“ (Moishe Postone), schaffte sich das Regime nur einen unliebsamen Konkurrenten vom Hals. Neben Röhm gehörte auch Gregor Strasser zum „linken Flügel“ der NSDAP, er interessierte sich besonders für die „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ der KPD.

P.S. Dies ist ein älterer Text von mir, den ich in meinem neuen Blog recycle.
Weitere Artikel werden folgen…


9 Antworten auf “Nazionalbolschewismus”


  1. 1 ubik 05. Juni 2007 um 23:18 Uhr

    das bild ist übrigens großartig. Weisst du was da auf steht auf russisch?

  2. 2 Administrator 05. Juni 2007 um 23:25 Uhr

    das bild ist übrigens großartig. Weisst du was da auf steht auf russisch?

    Nein, leider nicht.
    Ich poste es mal, um herauszufinden, was da drauf steht.
    Jemand meiner LeserInnen, die oder der in der DDR sozialisiert wurde, müsste das doch wissen…

  3. 3 tee 06. Juni 2007 um 1:27 Uhr

    in etwa: schliesst euch der nbd an!

    die abkürzung nbd steht (zumindest im werbespruch auf der seite der nationalbolschewisten) für:
    gewesen. zukünftig. gegenwärtig.

    grrr… krieg grad nicht die richtigen formen hin, aber in etwa so.

  4. 4 che200 06. Juni 2007 um 9:13 Uhr

    Großartiger Beitrag. Danke dafür!

  5. 5 lysis 06. Juni 2007 um 12:40 Uhr

    da steht: „prisojedinjaisja k NBP“ ;)

  6. 6 lysis 06. Juni 2007 um 12:45 Uhr

    NPB wird wohl für „National-Bolschewistische Partei“ stehen. k heißt „in“. die letzten zwei worte bedeuten also „in der NBP“. was das erste wort heißt, hab ich allerdings keine ahnung.

  7. 7 tee 07. Juni 2007 um 7:07 Uhr

    freudscher überleser, lysis?

    prisojedinjaisja = schliesst euch an, kommt in die (sinngemäss – das k für „in (die?)“ will ja seinen nutzen haben)

    und dass es national-bolschewistische partei heisst, dafür konnten wir (ja, ich hatte hilfe) auf die schnelle keine anzeichen entdecken, also nur vermuten. eben nur der werbespruch der drei zeitformen auf ihrer homepage liess sich enträtseln.

    ps: hab mich erinnert mal was recht interessantes zur verstrickung der berliner russendisko-szene mit den nationalbolschewisten gelesen zu haben. aber das kennst du sicher schon und kommt im zweiten teil. nur leider weiss ich nicht mehr wo. hab kurz gesucht und u.a. das gefunden:

    In der zweiten Phase seit 1994 erfolgte die Gründung und Etablierung der Nationalbolschewistischen Partei (NBP) als logische Konsequenz nationalistischer Radikalisierung.

    (quelle)

    also heisst’s wohl ziemlich ziemlich sicher:

    join the National Bolschewists Party!

  8. 8 Zwangsname 07. April 2012 um 14:24 Uhr

    :-w wann und wo hat sich erich mühsam
    FÜR den 1. wk ausgesprochen ? :-w

    etwa hier
    http://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/erich-muehsam/158-erich-muehsam-das-grosse-morden

    ?????????????????????????????????????

  1. 1 Das geprüfte Argument Trackback am 25. Juni 2007 um 15:58 Uhr

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