Archiv für Juli 2007

Nachtrag zu pakistanischen Hijras

Als Nachtrag zur Story Taliban gegen Hijras:

Weibliche Seele, männlicher Leib: Hijras – das selbstbewusste «dritte Geschlecht»

ein Artikel über Hijras, von denen die meisten keine Muslime sind und die in ihrer großen Mehrheit in Indien leben. Der Artikel belegt, dass es ein so genanntes „Drittes Geschlecht“ in Südasien wahrscheinlich schon seit dem ersten Jahrtausend vor Christus gibt, lange Zeit also vor der Islamisierung der Region.

Hier findet sich noch eine Bildstrecke zu Pakistan.

Taliban gegen Hijras

In ihrer Rezension des Buches „Allah & Eva. Der Islam und die Frauen“ erwähnt Necla Kelek, Lieblingskronzeugin verschiedener rechtskonservativer und rechtsradikaler „Islamkritiker“, auch pakistanische Hijras, die sie eine „besonders bizarre Bigotterie“ nennt. Was diese mit „dem Islam“ zu tun haben sollen, verrät sie nicht.

Hijras at muslim shrine
Drei pakistanische Hijras an einem muslimischen Schrein

Auch die internationalen Medien berichteten im April diese Jahres über muslimische Hijras in Pakistan.
Als einige Hijras auf dem Weg in das Dorf Dhoda waren, um dort bei einer Hochzeit aufzutreten, wurden sie von Taliban überfallen, die ihre Musikinstrumente zerbrachen und ihre Köpfe kahlrasierten. Daraufhin entschlossen sich die Dorfbewohner dazu, Rache zu nehmen und griffen die Taliban an, was sich zu einem mehrstündigen Gefecht entwickelte.

Siehe auch: Militants beat up dancers

Pakistan: Taliban threaten Lakhtai boys and „eunuch“ dancers

Auch hier zeigt sich im übrigen, dass es sich bei Islamisten keineswegs um "vormoderne Barbaren" handelt, sondern durchaus um Anhänger einer anti-traditionellen Erneuerungsbewegung, die selbstverständlich durch und durch reaktionär ist.

300 Antideutsche

Als ich neulich den Film 300 im Kino sah, fragte ich mich, ob wohl Ernst Jüngers In Stahlgewittern die Vorlage von diesem Gebräu aus Rassismus, Dolchstosslegende, Judas-der-Verräter, Homophobie und Eugenik war.

300
"Asiatische Horden"

Ich erinnerte mich aber auch, was ich einmal in einen CEE IEH-Artikel gelesen hatte, dass es nämlich falsch sei:

Griechen, die an den Thermophylen ihre zivilisatorischen Errungenschaften gegen die Perser verteidigten, vorzuwerfen, sie wären Anhänger der Sklavenhaltergesellschaft gewesen.

xerxes
Der effeminierte Orientale

Genozid für den Fortschritt

Karl Marx hat sich im Fall der Vertreibung der Indianer in Nordamerika positiv geäußert.1 Der Drang der weißen Siedler nach Westen war notwendig, um die feudalen Strukturen aufzubrechen

So ein AANO-Sprecher in einem Interview mit der Jungen Welt.
Davon abgesehen, dass es im vorkolonialen Nordamerika gar keine feudalen Strukturen gab und diese Behauptung der geschichtsteleologischen ML-Stadientheorie geschuldet ist zeigt es doch den Widerspruch zu den Grundannahmen der Kritischen Theorie, auf die sich Post-Antideutsche immer noch berufen. Dies lässt sich an folgenden Zitaten verdeutlichen:

Daß die Geschichte eine bessere Gesellschaft aus einer weniger guten verwirklicht hat, daß sie eine noch bessere in ihrem Verlaufe verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, daß der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt. Zwischen diesen beiden Tatsachen gibt es eine Reihe von erklärenden Zusammenhängen, aber keinen rechtfertigenden Sinn.

Max Horkheimer: Ein neuer Ideologiebegriff? 1930

Selbst die Konquistadorenüberfälle auf das alte Mexiko und Peru, die dort müssen erfahren worden sein wie Invasionen von einem anderen Planeten, haben, irrational für die Azteken und Inkas, der Ausbreitung der bürgerlich rationalen Gesellschaft bis zur Konzeption von one world blutig weitergeholfen, die dem Prinzip jener Gesellschaft teleologisch innewohnt.

Theodor W. Adorno: Weltgeist und Naturgeschichte 1966

Wenngleich die Kritische Theorie selbst zum Teil fragwürdige Thesen vertrat -beispielsweise könnte man die Dialektik der Aufklärung, wo in der gesamten Menschheitsgeschichte schon die Katastrophe angelegt ist, als negative Geschichtsteleologie betrachten- so muss man ihr doch zugute halten, dass sie den Idealismus von „Fortschritt“ und „Zivilisation“ hinterfragt hat. Gerade dies ist doch ein fundamentaler Gegensatz zu den „Basisbanalitäten“, die sich die Post-Antideutschen auf die Fahnen geschrieben haben, ebenso wie deren Konsumhedonismus.

  1. Karl Marx hat sich nie in dieser Hinsicht geäußert, die Aussage ist eine Erfindung [zurück]

Al Jazeera über die pakistanische Drag Queen Begum Nawazish Ali

Vor kurzem berichtete BBC über die pakistanische Transsexuelle Shumail Raj, die zusammen mit ihrer Frau für drei Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, weil ihre Ehe gleichgeschlechtlich und damit „unislamisch“ sei:

The couple say they are man and wife, but the Lahore high court ruled last month that the husband was, in fact, a woman, despite sex-change surgery.

The case is thought the first of its kind in Pakistan where homosexuality and trans-sexuality are largely taboo.

Hier mag es erstaunen, dass eine der populärsten Talkshows des Landes von der Drag Queen Begum Nawazish Ali moderiert wird, die dort häufig mit Männern flirtet und auch schon Mullahs zu Gast hatte.

Begum Nawazish Ali

Bei Youtube ist eine Sendung des AlJazeera-Frauenprogramms Everywoman abrufbar, bei der Begum Nawazish Ali zu Gast ist :

(Ab Minute 5:40)

Siehe auch:
Mouthy drag diva bending the rules on Pakistan TV

Transvestiten-Talkshow bricht alle Tabus

Female Genital Cutting und Islam

Lysis berichtet über das vollständige Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung in Ägypten.

Da die so genannte „Frauenbeschneidung“ häufig auf den „Islam an sich“ zurückgeführt wird, sei hier noch auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung hingewiesen:

Frauenbeschneidung ist nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen Staaten Afrikas und in einigen arabischen Ländern wie dem Jemen verbreitet. In Ägypten gibt es sie auch bei den Kopten, überaus konservativen orthodoxen Christen. Die Frauenbeschneidung ist ohnehin kein ursprünglich islamisches Phänomen. Als „pharaonische Beschneidung“ war sie lange vor der Islamisierung Arabiens und Nordafrikas bekannt.

Die führenden ägyptischen Islam-Gelehrten stellen sich daher stets an die Seite der Regierung und verurteilen die Beschneidung als unislamisch. Einzelne Gelehrte beharren aber auf ihrer Übereinstimmung mit dem muslimischen Glauben. Der traditionelle Volksislam hat die Verstümmelung junger Frauen über die Jahrhunderte ohnehin fest in sein System gesellschaftlicher Konventionen eingebaut: Die Beschneidung sei zwingend, weil nur sie die Keuschheit der Frau und die Treue in der Ehe garantieren könne. Der Widerstand von Teilen der meist konservativen Bevölkerung gegen einen Verzicht auf Frauenverstümmelung ist entsprechend groß.

Dem ist noch hinzuzufügen, dass auch gerade die ägyptischen IslamistInnen zu den vehementen GegnerInnen der Genitalverstümmelung gehören. Entgegen der vorherrschenden westlichen Sichtweise ist der Islamismus eben kein archaisches Relikt, sondern eine antitraditionelle Bewegung, die den Umsturz der bestehenden Ordnung propagiert und sich damit häufig gegen den so genannten „Volksislam“ und regionales „Brauchtum“ richtet:

Schwerer zu erklären ist die erstaunlich starke Beteiligung von
Frauen an islamistischen Bewegungen. Doch auch ihnen kann der
Islamismus im Vergleich zum real existierenden Patriarchat Vorteile
bringen. Immerhin erben sie nach koranischem Recht die Hälfte, in
vielen islamischen Gesellschaften bekommen sie weniger oder gar
nichts. Zudem ist auch die reaktionäre Rebellion des Islamismus ein
Aufstand gegen die väterliche Autorität und die Tradition. Islamisten
lehnen Zwangsheiraten und die Genitalverstümmelung von Frauen
ab, in Ägypten ging eine islamistische Gruppe sogar einmal militant
gegen eine Beschneidungszeremonie vor.
(Jochen Müller »Ein Schandmal auf der Stirn der Araber.« Antisemitismus im arabischen Nationalismus und Islamismus, In: Kp Berlin „Islamismus- Kulturphänomen oder Krisenlösung?“)

Auch in Somalia erliessen islamische Geistliche eine Fatwa gegen die Genitalverstümmelung.