Archiv für August 2007

Ehrenmorde und Scharia?

Im vergangenen Jahr erschien im Conne Island Newsflyer der Text Frauen und die Scharia im Islam. Von den ganzen Falschbehauptungen über den Islam möchte ich einmal absehen und mich stattdessen auf das Schreckgespinst der „Parallelgesellschaften“ konzentrieren.

In Parallelgesellschaften leben Menschen in Gemeinschaften abgekoppelt von ihrer Umgebung und natürlich ohne Bezug zum Rechtssystem des jeweiligen Staates, in dem sie sich befinden. Ob die Menschen in diesen Parallelgesellschaften jenes Rechtssystems ablehnen oder, wie es bei Frauen oft der Fall ist, auf Grund von nicht vorhandenen Sprachkenntnissen oder Angst vor dem Fremden bzw. dem Alleine sein, keinen Zugang zu diesem haben, ist nicht wesentlich. Im Grunde brauchen sie das Rechtssystem nicht. Der Islam hat ein eigenes Gesetz, ja ein Rechtssystem über Staatsgrenzen hinaus.

So die Definition der CEE IEH-AutorInnen. „Parallelgesellschaften“ in Deutschland zeichnen sich angeblich dadurch aus, dass hier nicht die Freiheitlich-Demokratische-Grundordnung gelten würde, sondern die Scharia. Demzufolge müsste die Mehrheit der muslimischen MigrantInnen, oder zu mindest ein bedeutender Anteil, unter dem religiösen Gesetz des Islam leben. Das sieht man zum Beispiel an Stadtvierteln mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Muslimen wie Kreuzberg oder Neukölln. Hier gilt das staatliche Gewaltmonopol nicht, nur mit Vollbart kann man sich überhaupt auf die Strasse trauen, ständig wird Dieben die Hand abgehackt und die ganzen Hartz-4-EmpfängerInnen können ihr Dosenbier nur versteckt konsumieren, da sie ansonsten Gefahr laufen, öffentlich ausgepeitscht zu werden…

Wenn Parallelgesellschaften über die Nichteinhaltung des Deutschen Rechts definiert werden, heißt es dann auch, dass DrogendealerInnen Parallelgesellschaften bilden, da sie sich ständig über das deutsche Recht hinwegsetzen und nach ihren eigenen Regeln leben?

Von den Autoren wird nun auch behauptet, dass „Ehremorde“ Konsequenz dieser Parallelgesellschaften seien, da dort ja die Scharia gelte.

Was haben Ehrenmorde mit der Scharia zu tun?

Die Antwort mag erstaunen, aber sie lautet: Nichts.
Es gibt nämlich keine (mir bekannte) islamische Autorität, die „Ehrenmorde“ legitimieren würde. Im Gegenteil: es gibt etliche Fatwas, die „Ehrenmorde“ -die im Französischen crimes d‘honneur (Verbrechen der Ehre) genannt werden- explizit verbieten. Diese Fatwas wurden gerade auch von islamistischen Autoritäten ausgesprochen. Mit der reaktionären Ideologie des Islamismus stehen „Ehrenmorde“ also nicht im Zusammenhang, auch wenn viele Leute sich das vielleicht so vorstellen mögen.
Morde im Namen der Ehre sind ein Widerspruch zum islamischen Rechtssystem. Die Scharia behandelt sie ganz ähnlich wie Selbstjustiz vom bürgerlichen Staat gehandhabt wird. Es ist also völlig falsch Ehrenmorde darauf zurückzuführen, dass die in Deutschland lebenden Muslime sich nicht an der FDGO, sondern an der Scharia orientieren würden. Hinzu kommt, dass Ehrenmorde in vielen islamischen Ländern, wie z.B. Indonesien oder Somalia gänzlich unbekannt sind.

Wieder mal ein Beleg dafür, dass man unwidersprochen alle möglichen Abstrusitäten über Muslime behaupten kann.

Zu viel Multikulti-Toleranz?

Das Problem bei der ganzen Geschichte ist nicht, dass Ehrenmorde thematisiert werden, sondern wie und in welchem Kontext sie „kritisiert“ werden. In den Medien erschienen die jüngsten als Resultat einer viel zu toleranten Politik der
„Multikultis, die das Land regier(t)en“
. Personen, die „Ehrenmorde“ verurteilten, sahen sich oft als Gegenstimme zum Mainstream und sogar als Rebellen oder Tabubrecher. Nach dem Prinzip „endlich wagt es mal jemand die Muslime zu kritisieren.“ Als ob das ein Tabu wäre und als ob der Islam im öffentlichen Bild nicht sowieso als besonders brutal und gewalttätig erscheinen würde.
Nichts wäre bescheuerter als Zwangsverheiratungen, „Ehrenmorde“ oder Genitalverstümmelungen unter Berufung auf so etwas wie „Kultur“ oder „Tradition“ zu rechtfertigen. Nur, gab es in den öffentlichen Auseinandersetzungen etwa jemanden, der dies getan hätte? Es mag einige wenige Leute geben, die tatsächlich so etwas legitimieren würden, allerdings niemanden, der wirklich ernst genommen werden würde.

In der Tat gibt es Multikulturalismus, der Menschen als Anhängsel ihrer „Kultur“ betrachtet und ihr Verhalten stets aus dieser „Kultur“ ableitet. In der Tat ist dies auch sehr kritikwürdig. Die so genannte „Islamkritik“ verwirft den Kulturalismus aber nicht, sondern teilt seine Grundannahmen. Lediglich die Bewertung stimmt nicht überein.
Auch hier wird sich auf Herkunft, „Kultur“ oder den Islam berufen, wobei dies bei Menschen ohne „Migrationshintergrund“ nie ins Feld geführt werden würde. Wenn ein Deutscher Mann seine Frau schlägt, wird dies ja auch nicht aus seinem „Nationalcharakter“ oder aus der besonders patriarchalischen Religion des Christentums erklärt. Anders bei „Ehrenmorden“, Zwangsverheiratungen oder „Frauenbeschneidung“, allesamt lokale Phänomene, die mit „dem Islam an sich“ nicht viel zu tun haben; sie werden „den Muslimen“ angedichtet, die gar nicht anders handeln könnten, da sie von ihrer „barbarischen Religion“ angetrieben werden würden.
Werden Kulturrelativismus und Multikulturalismus von dieser „Islamkritik“ völlig zu Recht auseinander genommen? Nein, denn genau das passiert eben nicht. Die Kritik ist gar keine, sondern ebenfalls eine Kulturalisierung des Sozialen, bloß unter negativem Vorzeichen. Die „Anderen“ werden nicht mehr für ihre „exotischen Bräuche“ bewundert, sondern für ihre „rückständige und barbarische“ Kultur verachtet. Wenn Antifeministen wie Jean-Marie Le Pen, Jörg Schönbohm oder Justus Wertmüller Frauenrechte in islamischen Ländern einfordern, wenn Leute, die schon mal eine Vergewaltigung als „schlechten Sex“ bezeichnen, sich gegen Zwangsverheiratung und sexuelle Gewalt in „migrantischen Milieus“ aussprechen, oder ausgerechnet die Leute, die zur Verstümmelung von Intersexuellen aufrufen, gegen Female Genital Mutilation wettern, was soll das sein, wenn nicht Kulturrelativismus?

Psychoanalyse

Ein Bettler träumte von einem Millionär. Als er aufwachte, traf er einen Psychoanalytiker. Der erklärte ihm, der Millionär sei ein Symbol für seinen Vater.
„Merkwürdig“, antwortete der Bettler.

Max Horkheimer

Der Marxsche Blick auf Afrika

Der Marxsche Blick auf Afrika erläutert die (fehlende?) Rolle Afrikas in Marxens Schriften. Der Artikel geht besonders auf die – im Vergleich zu seinen „Klassikern“ – wenig bekannten Briefe aus den letzten Lebensjahren und die so genannten Ethnologischen Exzerpthefte ein. Diese beschäftigen sich u.a. mit Kolonialherrschaft und „Entwicklung“ außerhalb Europas.
Der Artikel geht auch auf neuere marxistische Theorien zu Ökonomie und „Entwicklung“ ein. So beschäftigt er sich mit der Frage, ob das Konzept der asiatischen Produktionsweise auch für Afrika ein Erklärungsmodell sein kann oder ob es sogar eine eigene „afrikanische Produkutionsweise“ gibt. Der Begriff asiatische Produktionsweise stammt ursprünglich aus Marxens Grundrissen und wurde vom Sinologen – und Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – Karl Wittfogel popularisiert und neu interpretiert.

Marxens Verhältnis zu Afrika könnte auch für aktuelle Debatten um Geschichtsteleologie und Fortschrittsidealismus eine Bedeutung haben. Ein unkritischer Bezug auf Friedrich Engels’ Evolutionismus war schon während des Kosovokriegs Anlass zu Kritik (siehe Abschnitt „Engelszungen“). Von Lewis Henry Morgan hatte Engels nicht nur die These eines Urmatriarchats, sondern auch die Vorstellung einer unilinearen geschichtlichen Entwicklung von der Wildheit, über die Barbarei zur Zivilisation übernommen. Derartige antiquierte Vorstellungen spuken heute noch durch die Köpfe von Leuten, die andere Menschen als vormoderne Barbaren betrachten.

Die These vom Urmatriarchat

Genese und Aktualität des Patriarchats heißt ein Artikel aus dem Cee-Ieh, der Sexus und Geist von Christoph Türcke referiert.
Der Text erscheint sehr fraglich. Zunächst wird in einem Stufenmodell eine evolutionistische Abfolge vom Matriarchat in der „Urgesellschaft“ zum späteren Patriarchat behauptet (das Patriarchat soll höher entwickelt sein). Die Existenz eines Matriarchats wird durch archäologische Funde „bewiesen“:

Dass es das Matriarchat gegeben hat, beweisen die vielerorts gefundenen Venusstatuetten. Diese und von griechischen Dichtern überlieferte Mythen lassen darauf schließen, dass in der Frau Heiliges verehrt wurde. Insbesondere die weiblichen Geschlechtsmerkmale sind in den Statuetten äußerst voluminös dargestellt – das soziale ist vermittels des biologischen Geschlechts modelliert, ist jenem entrückt aber doch verbunden. So war die Frau als Gebärende des menschlichen Lebens der Inbegriff des Lebens und der Mittelpunkt des Kults. Schon aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung einer „Mutter Erde“, aus der das Leben hervorgeht und in die es wieder zurückkehrt.

Das ist durch und durch spekulativ. Einige wenige Überbleibsel der materiellen Kultur von vor tausenden Jahren werden positivistisch zu Beweisen. Die Venusstatuen, müssen gar keine „Göttinnen“ sein, ja sie könnten sogar etwas ganz Profanes sein. Wenn weibliche Gottheiten verehrt werden, dann sagt das über die Stellung von Frauen in einer Gesellschaft (bzw. Gemeinschaft) überhaupt nichts aus. Es gab historisch schon einige Beispiele von weiblichen Herrscherinnen über riesige Staaten, was aber in keinem Widerspruch zu einer gesamtgesellschaftlichen Unterdrückung der Frau stand.

Eine Matriarchatstheorie (wie sie z.B. noch bei Erich Fromm zu finden ist) kam durch Friedrich Engels‘ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in den Marxismus. Dieses Buch wurde wiederum von Lewis Henry Morgans „Die Urgesellschaft“ inspiriert. Morgan hatte eine Feldforschung bei den Iroquois, einer matrilinearen Gesellschaft (in der die Frauen das Land besitzen und nur sie es vererben können), gemacht. Da er die Einflusssphäre von Männern (die alle polischen Entscheidungen fällen konnten) aber nicht wahrnahm, kam er zu der Fehlinterpretation eines Matriarchats. Und da er die Iroquois für eine archaische Vorstufe der heutigen Gesellschaft hielt, stellte er die Theorie eines Matriarchats in der Urgesellschaft auf.

Selbstverständlich hätte es auch eine Herrschaft von Frauen über Männer geben können bzw. es könnte sie auch jetzt geben. Morgans‘ Schluss ist einfach nur falsch und Aussagen über Herrschaftsverhältnisse der „Urgesellschaft“ haben einen höchst spekulativen Charakter.

Der Text über Türcke spricht von der Aktualität des Patriarchats. Eine traditionelle Herrschaft (im Sinne Max Webers) von einigen wenigen alten Männern scheint aber kaum auf die moderne Gesellschaft zuzutreffen. Ein Patriarchat in diesem Sinne kann die Komplexität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht erfassen. In findet sich ein Artikel names „Wer uns beherrscht, was uns formt“, der in dieser Hinsicht weit erhellender ist (sicher nicht völlig erschöpfend). Statt einem Patriarchat wird von einer heterosexuellen bzw. heterosexistischen Matrix ausgegangen. Jedes Subjekt muss sich in dieser Matrix der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit einordnen, wobei Männer tendenziell privilegiert sind. Dabei sind aber auch Frauen Trägerinnen des gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses und keineswegs nur handlungsunfähige Opfer.

Positiver Antisemitismus?

Wie wahr der Spruch Philosemiten sind Antisemiten, die Juden lieben“ doch ist, belegt folgender Kommentar:

Sarkozy ist zwar Konservativer, aber der Vorwurf des Rassismus an einen jüdischen Franzosen mit Migrationshintergrund (Vater aus Ungarn und Mutter aus Zypern) geht wohl etwas zu weit.

Irakische Raver für Lust und Luxus

Trotz enger Reihe habe ich meine Augen beim Tanzen geschlossen und war einfach nur noch in der Musik drin, jenseits von Zeit und Raum, Sorgen und Elend, Sitte und Anstand. Vorschein auf den Communismus? Jedenfalls sehr geil!

Sexismus ohne ’sex‘?

In Sexismus ohne Sex beschäftigt sich Sabine Grimm mit der Frage, ob es analog zum Rassismus ohne Rassen auch einen Sexismus gibt, der ohne den Bezug auf das biologische Geschlecht (sex) auskommt.

Gegen die Barbarei der Zivilisation!

In seiner Story Die Dialektik des Antideutschtums beschäftigt sich der Blogger „Grand Hotel Abgrund“ mit dem Widerspruch der Parteinahme vieler Antideutscher für Fortschritt und Zivilisation und deren gleichzeitigen Berufung auf die ‚Dialektik der Aufklärung‘ und die Kritische Theorie.
bigbeatland

Die Bezeichnung des deutschesten aller jemals verübten Verbrechen, der Shoa, als einen Rückfall in die Barbarei vermag diese nicht zu treffen. Der Massenmord war ganz und gar zivilisiert, berief sich noch im Rassenwahn auf die Naturwissenschaften, sowie er sich im Verdammen des „jüdischen Wesens“ noch auf den deutschen Idealismus berufen konnte (Kant: “Vampyre der Gesellschaft”). Die Mittel, die letztlich zu Vernichtung der Juden genutzt wurden, waren nicht zufällig industrielle, eben zivilisierte.

“Barbarei” beschreibt nicht den Charakter der Shoa. Schließlich war sie gerade der Höhepunkt abendländischer “Zivilisation”, ihre totale Entfaltung, ihr Ziel war nicht die Negation der Zivilisation, sondern sich von ihren negativen Begleiterscheinung zu befreien, die man als “parasitär” abgespalten hatte und in der Figur des Juden konkretisiert, und somit die Rettung dieser Zivilisation. Die deutschen “Landser” zogen nicht mit “Buschtrommeln” in einen Vernichtungskrieg (und auch nicht mit dem Koran!), sie hatten Goethe und Schiller im Tornister. Die SS-Mannschaften spielten bei der Judenselektion klassische Musik vom Grammophon, sie waren keine Barbaren, sie verkörperten das Ideal eines abendländischen Kulturmenschen.

Was soll also das Gerede von der Barbarei? Oder besser: Welche Konsequenzen zieht der gemeine Antideutsche, sich ganz in der Tradition der kritischen Theorie wähnend, aus dieser Charakterisierung der Shoah? Wo die kritische Theorie diesen Begriff noch dialektisch anwandte (nämlich niemals ohne die Zivilisation als das zu benennen, von der diese Barbarei ausging), gereicht sie hier nur noch zum reinen Ressentiment gegen die als barbarisch ausgemachten Araber, Türken, Muslime. Diese planen nämlich in der post-antideutschen Wahnvorstellung gerade kollektiv eine neue Shoa und die Erledigung der Zivilisation gleich mit.

Die Barbarei des NS wird als der Rückfall in vorzivilisierte Zustände gedeutet, als hätte man die Feststellung aus der Dialektik der Aufklärung, dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils erstrahle, einfach vergessen.

Es sind zwei Seiten, die der post-antideutschen Projektion anhaften:
Auf der einen wird das neue Feindbild, „die Araber“, ganz in rassistischer Manier, zu einem unzivilisierten, eben „barbarischen“ Kollektiv stilisiert, gänzlich unberührt von der bürgerlichen Aufklärung. Auf der der anderen Seite, wird in dem der NS eben genau hier eingeordnet wird, der selbige nicht als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, sondern als etwas vollkommen von ihr unberührtes, eben zu einem Rückfall in die Barbarei, die hier so wörtlich genommen wird, wie sie die Griechen meinten, nämlich als Charakterisierung der „kulturlosen“ Völker.
Die logische Konsequenz dieses verkehrten Denkens ist dann auch die, die gezogen wird: Man betreibt keine kritische Theorie der Gesellschaft, sondern eben eine unkritische, die sich unbedacht auf die bürgerliche Aufklärung als zu verwirklichendes Projekt bezieht und so die reine Apologetik des Bestehenden betreibt, denn die Erde ist bereits „vollends aufgeklärt“. Was man eben als barbarisch und zurückgeblieben identifiziert ist nichts anderes als ein Produkt der Zivilisation. Die ihr innewohnende Tendenz zur Barbarei wird als ein ihr fremdes abgespalten. So wird die Apologetik der Zivilisation letztlich zur vollkommenen Identifikation mit der (zivilisierten) Herrschaft. Ihre letzte Konsequenz ist der Ruf nach dem Krieg, der Gewalt:

„Die Zeichen der Ohnmacht, die hastigen unkoordinierten Bewegungen, Angst der Kreatur, Gewimmel, fordern die Mordgier heraus.“
[Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 3, S. 132)]

Denn nichts anderes ist es, was die heutigen Freunde der kapitalistischen Herrschaft umtreibt, der Hass auf das „Gewimmel“ an den unteren Rändern der Gesellschaft, oder in den „unzivilisierten“ Randbezirken der kapitalistischen Welt. Es geht ihnen um die Verteidigung einer Zivilisation, die sich immer wieder selbst an den Rand ihrer Selbstaufhebung treibt. Wer das nicht erkennen will, soll von der Barbarei schweigen.

Von einem ähnlichen Thema handelt das sehr lesenswerte Kapitel Politische Ökonomie der Enthistorisierung: die Mär vom „negativ aufgehobenen“ Kapitalismus in dem Buch Die antideutsche Ideologie von Robert Kurz. Der Text geht vor allem auf Pollocks Ist der Nationalsozialismus eine neue Ordnung? und Horkheimers Die Juden und Europa ein.

Die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees

Das Schlimmste haben wir nicht verhindern können und das, was zum Besten hätte werden können, ist zum Schlechten geworden.
Manès Sperber

Heute vor 55 Jahren am 12. August 1952 wurden 13 Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees der Sowjetunion liquidiert:

Es war eine Farce und kein Prozess, denn das Urteil stand bereits im Vorfeld fest: Nach einer dreimonatigen Gerichtsverhandlung wurden am 12. August 1952 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis 13 Angeklagte jüdischen Glaubens hingerichtet. Der Prozess vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion unter Vorsitz des Generals der Justiz A. Tschepzow begann am 7. Mai 1952 ohne Vertreter der Anklage oder Verteidigung, aber mit 42 Bänden an Untersuchungsakten und endete am 18. Juli 1952. Stalin hatte die Todesurteile zu diesem Zeitpunkt bereits angeordnet. Wozu die ganze Maskerade mit Tausenden von Akten an erfolterten Geständnissen, die die Angeklagten in den letzten Gerichtssitzungen sowieso widerriefen? Im Prozess wurden oft jiddische Gedichte und Texte als Anklagepunkte zitiert. Eigentlich saß die jiddische Sprache und Kultur auf der Anklagebank, ein seltenes Ereignis in der Kultur- und Justizgeschichte

Das Urteil hatte eine lange Vorgeschichte. Am 24. August 1941, zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, fand in Moskau eine Veranstaltung statt, die von der Presse als „Öffentliche Versammlung der Vertreter des jüdischen Volkes“ bezeichnet wurde. An ihr nahmen viele bedeutende Persönlichkeiten der Sowjetunion, wie Ilja Ehrenburg, Sergej Eisenstein und Piotr Kapiza teil.

Sergej Eisenstein

Einige von ihnen richteten einen leidenschaftlichen Appell an die Juden der Welt, der Sowjetunion in ihrem Kampf ums Überleben zu helfen. Der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters in Moskau, Salomon Michoels, sagte: „Brider un schwester, jidn vun der ganzer welt. Uns trennen zwar mächtige Ozeane, aber wir sind vereinigt durch Ozeane von Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne und Brüder, die durch die Faschisten vergossen wurden.“

Dem 1942 konstituierten Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion (JAFK) mit dem Präsidenten Michoels an der Spitze gehörten fast hundert Persönlichkeiten aus der Literatur, Journalistik, Kunst, Theater, Film, Staatsbeamte sowie die Generäle und „Helden der Sowjetunion“ Buber, Milner, Kreiser und Admiral Trainin an. Mehr als eine halbe Million sowjetischer Juden kämpften als Soldaten oder Partisanen für den Sieg über Hitler-Deutschland. Sie erhielten mehr als 160.000 Auszeichnungen; 146 jüdische Soldaten wurden mit der höchsten Tapferkeitsauszeichnung „Held der Sowjetunion“ geehrt, darunter die Nachtbomber-Pilotin Paulina Gelman und der U-Boot-Kommandant Israel Fissanowitsch; beide waren JAFK-Mitglieder.

Das JAFK war nicht nur Zentrum der Kriegspropaganda, sondern auch der jiddischen Kultur und Literatur. Bereits im Juni 1942 wurde das Organ des JAFK, die jiddische Zeitung „Ejnikeit“ – Eintracht, gegründet. Die Presseagentur des Komitees ISPA versandte mehr als 23.000 Artikel, mehrere Buchmanuskripte und mehr als 3000 Fotos an die ausländische Presse, die in 264 Periodika in zwölf Ländern veröffentlicht wurden. Im Verlag des JAFK erschienen 65 Bücher, viele Essays, Dokumentationen und Broschüren.

Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt. In der Presse der besuchten Länder erschienen mehr als 700 Artikel. Als Folge der Reise wurden viele Hilfskomitees für die Sowjetunion gegründet, mit Albert Einstein an der Spitze.

Nach dem siegreichen Ende des Krieges begannen die „schwarzen Jahre“ des sowjetischen Judentums. Die während des Krieges willkommenen nationalen Tendenzen, die sowohl die Juden, als auch andere Nationalitäten zu größeren Leistungen für die Sowjetunion anspornen sollten, wurden auf einmal als chauvinistische Abweichung gebrandmarkt. Die Ermordung des JAFK-Präsidenten Michoels in Minsk am 12. Januar 1948 erfolgte auf persönlichen Befehl Stalins, sorgfältig eingefädelt und als Verkehrsunfall kaschiert. Für den Ermordeten wurde ein Staatsbegräbnis angeordnet. Im November 1948 liquidierte der sowjetische Staatssicherheitsdienst NKWD das gesamte Komitee und konfiszierte das umfangreiche Archiv des JAFK. Bis Ende Januar 1949 waren alle 15 Angeklagten des Prozesses von 1952 inhaftiert.

Die vom „Kongress für jüdische Kultur“ in New York zusammengestellte Liste der in dieser Zeit verschwundenen jüdischen Künstler und Intellektuellen enthält 450 Namen von Schriftstellern, Schauspielern, Musikern, Malern und Bildhauern. Außerdem wurden viele jüdische Partei- und Regierungs-Funktionäre, Wissenschaftler und Industrieangestellte verhaftet, wie auch die gesamte Führung des Jüdischen Autonomen Gebietes in Birobidschan.

Gleichzeitig schloss die Staatsmacht die meisten kulturellen Einrichtungen der Juden, wie Theater, Verlage, Zeitungen, Schulen, Die verhafteten Führer des JAFK wurden unzähligen Vernehmungen und Foltern durch 35 brutale Ermittler unterworfen; sie sollten absurde Verbrechen gestehen, denn die „Organe“ konnten keine dokumentarischen Beweise für die behauptete Spionage oder Verrat vorlegen. Die absurdeste Beschuldigung war, dass das JAFK auf der Krim eine jüdische Republik unter amerikanischem Protektorat gründen wollte.

(Aus: Wie Stalins Judenverfolgungen verheimlicht wurden.)

Die Exekution war die letzte Welle des Antisemitismus in der Sowjetunion unter Josef Stalin (nicht dass dieser nach seinem Tod verschwunden wäre). Begleitet wurde die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees von der Kampagne gegen das Kosmopolitentum und dem Prozess gegen eine „jüdische Ärzteverschwörung“.

Doctor's Plot
Karikatur zur "Ärzteverschwörung" im sowjetischen Magazin
Krokodil von 1953

Auch die Veröffentlichung des Schwarzbuchs über die Vernichtung der sowjetischen Juden wurde von Stalin verhindert.

Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte sich fast niemand mit der Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Erst in den letzten Jahren erschien zwei Bücher, die sich eingehender mit seinem Schicksal auseinandersetzen:

* Stalin und die Juden von Arno Lustiger
* Stalin’s Secret Pogrom von Joshua Rubenstein

‚Land of the free, home of the Glücksversprechen‘

Zwei Texte zum Irakkrieg aus dem Jahr 2003 von der Freiburger Initiative: Kritik im Handgemenge, die sich sowohl mit bürgerlichen Demokratiediskursen als auch den ML-Stadientheorien der Antideutschen, die behaupten die „Zivilisation“ (sprich: der Kapitalismus) müsse dort eingeführt werden, um die „Bedingung der Möglichkeit“ -also die Aufhebung des Kapitalismus durch den Kommunismus- zu schaffen, beschäftigen:

Basisbanalitäten über bürgerliche Gesellschaft und ihren Export


Dig it like Bentham.
Krise, Krieg und die Bewegung für Zivilisation und Demokratie