Die These vom Urmatriarchat

Genese und Aktualität des Patriarchats heißt ein Artikel aus dem Cee-Ieh, der Sexus und Geist von Christoph Türcke referiert.
Der Text erscheint sehr fraglich. Zunächst wird in einem Stufenmodell eine evolutionistische Abfolge vom Matriarchat in der „Urgesellschaft“ zum späteren Patriarchat behauptet (das Patriarchat soll höher entwickelt sein). Die Existenz eines Matriarchats wird durch archäologische Funde „bewiesen“:

Dass es das Matriarchat gegeben hat, beweisen die vielerorts gefundenen Venusstatuetten. Diese und von griechischen Dichtern überlieferte Mythen lassen darauf schließen, dass in der Frau Heiliges verehrt wurde. Insbesondere die weiblichen Geschlechtsmerkmale sind in den Statuetten äußerst voluminös dargestellt – das soziale ist vermittels des biologischen Geschlechts modelliert, ist jenem entrückt aber doch verbunden. So war die Frau als Gebärende des menschlichen Lebens der Inbegriff des Lebens und der Mittelpunkt des Kults. Schon aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung einer „Mutter Erde“, aus der das Leben hervorgeht und in die es wieder zurückkehrt.

Das ist durch und durch spekulativ. Einige wenige Überbleibsel der materiellen Kultur von vor tausenden Jahren werden positivistisch zu Beweisen. Die Venusstatuen, müssen gar keine „Göttinnen“ sein, ja sie könnten sogar etwas ganz Profanes sein. Wenn weibliche Gottheiten verehrt werden, dann sagt das über die Stellung von Frauen in einer Gesellschaft (bzw. Gemeinschaft) überhaupt nichts aus. Es gab historisch schon einige Beispiele von weiblichen Herrscherinnen über riesige Staaten, was aber in keinem Widerspruch zu einer gesamtgesellschaftlichen Unterdrückung der Frau stand.

Eine Matriarchatstheorie (wie sie z.B. noch bei Erich Fromm zu finden ist) kam durch Friedrich Engels‘ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in den Marxismus. Dieses Buch wurde wiederum von Lewis Henry Morgans „Die Urgesellschaft“ inspiriert. Morgan hatte eine Feldforschung bei den Iroquois, einer matrilinearen Gesellschaft (in der die Frauen das Land besitzen und nur sie es vererben können), gemacht. Da er die Einflusssphäre von Männern (die alle polischen Entscheidungen fällen konnten) aber nicht wahrnahm, kam er zu der Fehlinterpretation eines Matriarchats. Und da er die Iroquois für eine archaische Vorstufe der heutigen Gesellschaft hielt, stellte er die Theorie eines Matriarchats in der Urgesellschaft auf.

Selbstverständlich hätte es auch eine Herrschaft von Frauen über Männer geben können bzw. es könnte sie auch jetzt geben. Morgans‘ Schluss ist einfach nur falsch und Aussagen über Herrschaftsverhältnisse der „Urgesellschaft“ haben einen höchst spekulativen Charakter.

Der Text über Türcke spricht von der Aktualität des Patriarchats. Eine traditionelle Herrschaft (im Sinne Max Webers) von einigen wenigen alten Männern scheint aber kaum auf die moderne Gesellschaft zuzutreffen. Ein Patriarchat in diesem Sinne kann die Komplexität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht erfassen. In findet sich ein Artikel names „Wer uns beherrscht, was uns formt“, der in dieser Hinsicht weit erhellender ist (sicher nicht völlig erschöpfend). Statt einem Patriarchat wird von einer heterosexuellen bzw. heterosexistischen Matrix ausgegangen. Jedes Subjekt muss sich in dieser Matrix der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit einordnen, wobei Männer tendenziell privilegiert sind. Dabei sind aber auch Frauen Trägerinnen des gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses und keineswegs nur handlungsunfähige Opfer.


6 Antworten auf “Die These vom Urmatriarchat”


  1. 1 lahmacun aka Laura 29. Juli 2008 um 19:44 Uhr

    bachofen. von dem stammt die urmatriarchats-these, die nicht nur morgan und engels beeindruckt hat, sondern auch rosenberg.

    das alles ist natürlich höchst spekulativ. – die matriarchatsforschung führt heute nicht ohne grund ein schattendasein, das sich höchstens bei ökofeministinnen und manchen neonazis einer gewissen beliebtheit erfreut.

    ich hab‘ den text immer noch nicht zuende gelesen.

    der nachteil von butler ist sicher, dass sie nicht materialistisch argumentiert; haug hat schon jahre vor butler eine mittäterinnen-these aufgestellt. oder auch thürmer-rohr.

  2. 2 עבד אל-קאדר 29. Juli 2008 um 20:31 Uhr

    Ja, wobei Bachofen das Matriarchat nicht romantisiert, sondern als evolutionär rückständig betrachtet, wenn ich mich nicht irre.
    Engels‘ Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats entstand anhand von Marxens Exzerpten von Morgan.
    Eine Matriarchatstheorie muss nicht reaktionär oder esoterisch sein, sie ist nur sehr unwahrscheinlich, genau so wie der „Urkommunismus“.

    Ich sehe gerade, dass im informativen Wikipediaartikel auch Schrott steht:

    Die Minangkabau sind Moslems, was im ersten Moment überraschend wirkt. Die starke Stellung des Bruders der Mutter, die typisch ist für matrilineare Gesellschaften, ermöglicht die Vereinbarkeit mit einer patriarchalen Religion.

  3. 3 Horst 29. September 2008 um 18:03 Uhr

    Matriarchat bedeutet nicht, dass die Frau mehr Macht, sondern eine andere Geltung hatte. Es geht dem Text im CeeIeh auch nicht darum, dass das Patriarchat höher steht als das Matriarchat, sondern darum, wie es sich aus diesem entwickelt hat. Außerdem wird der Unterschied zwischen Patriarchat früher und heute sehr wohl dargestellt. Im Übrigen war es nicht mal früher eine Herrschaft von ein paar Männern. Insofern hat der Begriff vom Wort her noch nie hundertprozentig gefasst. Aber modern kann man es natürlich Matrix nennen; kommt man im Wissenschafts- und Popdiskurs auch besser an damit. Ist halt bloß nur ein neuer Schlauch für alten Wein.

  4. 4 עבד אל-קאדר 30. September 2008 um 19:45 Uhr

    Matriarchat bedeutet nicht, dass die Frau mehr Macht, sondern eine andere Geltung hatte.

    Nein. Es geht bei der alten Matriarchatshypothese sogar um Herrschaft, nicht nur um Macht.

    Es geht dem Text im CeeIeh auch nicht darum, dass das Patriarchat höher steht als das Matriarchat, sondern darum, wie es sich aus diesem entwickelt hat.

    Habe ich auch nicht geschrieben, der Punkt ist, dass die Behauptung von Türcke, das eine hätte sich aus dem anderen entwickelt, falsch und unhaltbar ist.

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