Der GSP und die „Negerstämme“ in Afrika

Der folgende Artikel wurde schon einmal auf dem Portal X-berg.de gepostet und bezieht sich auf eine Diskussion im damaligen Kommunistischen Forum über den Text Die politische Eigenart der afrikanischen „Nationalstaaten“ der Marxistischen Gruppe (MG) aus dem Jahr 1983.
Dies ist der erste von mehreren Texten, die sich mit dem Bild von Afrika und der „rückständigen Neger“ beschäftigen werden. Dabei wird auch die Debatte zum damaligen Artikel noch einmal Thema sein.

Eric Wolf

Vor allem anhand der Geschichte Somalias soll im Folgenden gezeigt werden, dass der obige Text seinem Anspruch, die bürgerliche Sichtweise zu kritisieren, keineswegs gerecht wird, sondern selbst in stereotypen Afrikabildern verhaftet bleibt.
Die Sichtweise der Marxistischen Gruppe fällt eben noch hinter den Marxschen Blick auf Afrika zurück.

Zu Beginn des zweiten Abschnitts schreibt die MG ganz richtig:

Gleichwohl gibt es in Afrika praktisch nur noch – mit der einen Ausnahme Südafrikas – autochthone Nationalstaaten; überall haben, gewaltsam oder mit Einverständnis der alten Kolonialmächte, nationalistische Gruppen ein Herrschaftssystem durchgesetzt, das in seinem entscheidenden Punkt dem modernen bürgerlichen Staat nachgebildet ist. Prinzip und Kriterium der Herrschaft ist die nationale Souveränität, also eine zentrale, das ganze Land umfassende und als der zusammengefaßte politische Wille des darin lebenden Volkes auftretende Gewalt. Von einer „Rückkehr“ zu irgendwelchen vorkolonialistischen, also vorbürgerlichen Herrschaftsformen, etwa zu Formen „feudaler“ Herrschaft, wie es sie in Afrika vor der Kolonialisierung durch die Europäer teilweise gegeben hat, kann nirgends die Rede sein.

Problematisch ist aber folgendes:

Auch bei der Anwendung faschistischer Methoden durch afrikanische Regierungen macht sich jedoch immerzu störend bemerkbar, daß diesen ihre bürgerliche Grundlage fehlt: ein politisiertes Volk, das aus eigenem falschen, nämlich nationalistischen Bewußtsein heraus aus seiner unbefriedigenden materiellen Lage den staatsbürgerlichen Schluß zieht, Gerechtigkeit nach dem Kriterium des nützlichen Beitrags der einzelnen zum großen Ganzen zu fordern. Ein Neger hat ganz andere Kriterien, nach denen er sich – wenn überhaupt – mit seinesgleichen vergleicht, als die zivilisierte Barbarei staatsbürgerlicher Aufopferung; vor allen anderen das der Stammeszugehörigkeit. Dieses Kriterium ist aber, für sich genommen, gänzlich unpolitisch: Als natürliches Merkmal hat es mit der Abstraktion eines „freien Willens überhaupt“ nichts zu tun; folglich ist es auch nicht, wie das Kriterium der Nationalität, Prinzip oder auch nur möglicher Inhalt eines Selbstbewußtseins, Rechtssubjekt unter einer bestimmten Souveränität zu sein, sondern bedeutet, daß der individuelle Wille aus dem wirklichen verwandtschaftlichen Zusammenhang des einzelnen noch gar nicht herausgetreten ist

Für die MG gibt es in ganz Afrika ein gebildete Elite, die als nationale Befreiungsbewegung die Macht im Staate übernommen hat, während die große Masse der Bevölkerung ungebildet und gänzlich unpolitisch ist, da sie noch im „Stammesdenken“ verhaftet ist und sich noch nicht aus dem „Naturzusammenhang“ gelöst hat. Hier fragt sich, was ein „Naturzusammenhang“ überhaupt sein soll. Das würde ja bedeuten wie ein Tier zu leben und seine Umwelt nicht gestalten zu können. Auch Verwandtschaft (hier synonym mit Naturzusammenhang genannt) ist nichts natürliches, gegebenes, sondern etwas rein soziales.
Problematisch ist auch der Begriff „Stamm.“ Eine genuin europäische Bezeichnung aus der Kolonialzeit, die den „Negern“, den „Indianern“ und vielen anderen übergestülpt wurde ohne sich anzuschauen wie die jeweilige Gesellschaftsform und Sozialstruktur überhaupt aufgebaut war. Bis heute spuken solche stereotypen Vorstellungen von Stämmen mit „Häuptlingen“ und Kriegern herum, sei es Karl May, die Doku-Soap Wie die Wilden oder eben die MG:

Innerhalb der Stämme hatte die herrschaftliche Organisation sich darauf beschränkt, daß ein kleines Ensemble von Großfamilien sich einen von der Arbeit freigestellten Häuptling, Medizinmann oder eine Zauberin leistete(…)

Seine Analysen auf einen derart schwammigen Begriff zu stützen, ohne ihn genau zu definieren, ist also nicht sehr hilfreich. „Stammmeszugehörigkeit“ kann ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, Clan oder Familie, aber auch „Volk“, Ethnie. Ethnizität ist aber etwas ganz modernes, das erst durch den Kolonialismus nach Afrika kam und gerade nicht die
fröhlich ursprüngliche Grundlage des Miteinanders der jeweiligen Leute
(Kaspar im KF) ist. Wie die Einteilung in Stämme und Völker oftmals ablief, hat Bad Brain im KF gepostet:

Seit der belgischen Kolonialherrschaft war in den Pässen der Ruander vermerkt, welcher Volksgruppe sie angehören. Dabei definierten die Belgier alle Ruander als Tutsi, die mehr als zwölf Kühe besaßen.

Später wurde das als positive Eigenbezeichnung aufgegriffen.
Solche Aspekte der Verschränkung des Westens mit der restlichen Welt werden von der MG völlig übersehen:

Wohl als Ersatz für ihre dem Mangel an Bildung geschuldete Fühllosigkeit ist das Lob ihrer Unvernunft zu verstehen, das sich seit geraumer Zeit ihre Führer abringen:

„Die Emotion ist negerhaft, wie die Vernunft griechisch ist.“ „Und die Arbeit ist keine Fron, sondern Quelle der Freude, denn sie erlaubt die Verwirklichung und Erweiterung des Seins. Ich muß hervorheben, daß in der Negergesellschaft die Arbeit an der Erde die edelste Arbeit ist.“ (Senghor)

Dieses Zitat ist nicht Unwissenheit geschuldet, sondern Ausdruck einer anti-westlichen Ideologie, die selbst aus dem Westen stammt. Auch die deutsche Romantik (um nur ein Beispiel zu nennen) brachte das Gefühl gegen die Vernunft in Anschlag und das war kein Indikator für die mangelnde Bildung der Deutschen.

Laut MG soll für ganz Afrika im Jahr 1983 gelten, dass ein „rückständiges Stammesbewusstsein“ die Etablierung einer nationalen Identität in der Mehrheit der Bevölkerung verhindert. Das evolutionäre Stadium des falschen Bewusstseins in Form nationalen Denkens wurde von den „Negerstämmen“ also noch nicht erreicht.
Betrachten wir das ganze am Beispiel Somalias, eines der afrikanischen Länder, in dem Familien- und Clanstrukturen noch den größten Einfluss im politischen Leben haben.

Dort gab es bereits im 19. Jahrhundert eine nationalistische, antikoloniale Bewegung um Mohammed Abdullah Hassan (1856-1920). Hassan war ein Wahabi, der für einen islamischen Staat aller Somali kämpfte (er war sozusagen ein Proto-Islamist). Schon damals konnte eine nationalistische Massenbewegung für den Kampf gegen England und Äthiopien mobilisiert werden.
In den 1940er Jahren (noch während der Kolonialherrschaft) bildeten sich die ersten somalischen Parteien. Einige von ihnen verstanden sich als Interessensvertretung eines bestimmten Clans, aber alle verschrieben sich nationalistischen Zielen.
1960 wird Somalia als Staat unabhängig und die ehemaligen Kolonien Großbritanniens und Italiens vereinigen sich zu einem Staat, für die „nationale Einheit.“
1969 kam es zu einem Militärputsch durch Siad Barre, der große Unterstützung in der Bevölkerung fand. Warum war er so beliebt?
Weil man der vorherigen Regierung vorwarf, nicht nationalistisch genug zu sein, sich nicht für ein „Großsomalia“ einzusetzen und zu gute Beziehungen zum „Erzfeind“ Äthiopien zu unterhalten. Von fehlendem Nationalismus kann also keine Rede sein und es ist falsch zu behaupten:

Eingestandenermaßen haben die politischen Führer in Afrika es bei ihren Volksmassen nicht und nirgends mit politisierten Interessen zu tun, d.h. mit gesellschaftlichen Bedürfnissen, die sich als Forderungen an eine politische Gewalt – damit als Teil eines übergreifenden Gemeinwohls – verstehen und vortragen; denen also so sehr an staatlicher Anerkennung gelegen ist, daß auf sie eine funktionstüchtige staatliche Gewalt sich gründen läßt.

Da „der Neger“ kein Subjekt ist, begreift er auch nicht, in welche Kriege er hineingezogen wird:

Der Stand der natürlichen Unschuld, mit dem Schwarze in allen Teilen des Kontinents auftreten, sooft sie zu Entscheidungen herangezogen werden, deren Subjekte sie nie und nimmer sein können, betätigt sich in den vom Ausland arrangierten Gemetzeln eben in der ganzen unidyllischen Art, die diesen Stand auszeichnet. Da werden Menschen, die sich in der Produktion ihres Lebens noch nicht einmal vom Naturzusammenhang gelöst haben, mit den Mitteln moderner Kriegsführung versorgt und den Zwecken gänzlich unpersönlicher, dafür mit sittlichen Werten aller Art beweihräucherter Konkurrenz unterworfen – und wenn sie sich dann „wie Tiere“, also ohne völkerrechtliche Rücksichten ans Töten machen, handeln sie sich eine moralische Verurteilung ein, zu deren Verständnis ihr Intellekt nicht einmal im entferntesten ausreicht.

Gemetzel werden also ausschließlich vom Ausland angezettelt, Afrikaner scheinen nicht in der Lage zu sein von selbst Kriege zu führen, denn dazu reicht der Intellekt „des Negers“ anscheinend nicht aus. Greift der Afrikaner zur Waffe, dann im Glauben für seinen Stamm („sein natürliches Merkmal“) zu kämpfen.

Von daher lief ihre Einbeziehung in den Staatskram dort unten eben darüber, dass sie zwar (objektiv) für staatliche Konflikte herangenommen wurden, aber (subjektiv) gar nicht fürs Vaterland, sondern für den Stamm etc. ins Gemetzel gezogen sind. (Mpunkt im Kf, der die Argumentation von 83 nicht ganz teilt, aber zu retten versucht).

Für diese These lässt sich wohl kein einziges Beispiel finden. Wenn jemand für seinen „Stamm“, seine Ethnie usw. in den Bürgerkrieg zieht, dann deshalb weil diese Gruppe die Macht im Staate übernehmen will oder einen eigenen Staat (Biafra, Eritrea…) gründen will.
In zwischenstaatlichen Kriege geht es immer um nationale Interessen, was für niemanden ein Geheimnis ist.
In den 70er Jahren gibt es im Osten Äthiopiens eine Guerillabewegung des dort lebenden somalischen Ogaden-Clans. Dessen Soldaten kämpfen für ihren Clan, der sich zum Ziel setzt, ein Teil von „Großsomalia“ zu werden. Aus dem Grund marschiert Somalia –unter Jubel seines Staatsvolks- in Äthiopien ein, um die dortigen Somali der „Fremdherrschaft“ zu entreißen und in die „Eigenherrschaft“ zu befreien.
Beide Länder sahen sich als sozialistisch, wobei Äthiopien zunächst von den USA und Somalia von der Sowjetunion unterstützt wurde und diese Aufteilung später getauscht wurde.
Deshalb kann man schon davon sprechen, dass afrikanische Staaten in der Lage waren, Sponsoren für ihre nationalen Interessen zu instrumentalisieren (wie erfolgreich das war, ist eine andere Frage).

Als Argument gegen Kriege in Afrika führt die MG die beiden Weltkriege an:

Selbst der Einwand, daß zwei Weltkriege und anderes mehr aus der Geschichte ihrer zivilisierten Kommandeure auch kein Honiglecken, dafür aber ein schöner Beleg für die charakterliche Reife des weißen Mannes gewesen seien, steht ihnen nicht zu Gebote.

Fragt sich an wen sich das richten soll. An Staatschefs oder Warlords wohl nicht, sondern an willige Untertanen. Nationalisten gibt es laut MG in Afrika aber eigentlich nicht, sondern nur Anhängsel eines Stammes, die für das „Vaterland“ instrumentalisiert werden können (ohne dass sie das begreifen).
Darüber hinaus wird so getan, als ob die Weltkriege nur in Europa stattgefunden hätten.
Als hätte es nicht tausende afrikanische Kolonialsoldaten gegeben und als ob es auf afrikanischem Boden keine Kampfhandlungen gegeben hätte (Rommel, Abessinienkrieg usw.).

Seltsam auch die Erklärung für „ethnische Konflikte“ und Massaker in Afrika:

(…) daß der politische Schachzug, Stammesgegensätze aufzuregen, stets schlimmere Folgen heraufzubeschwören droht als die beabsichtigten. Ein einmal erregter und bewaffneter Stammesstolz hat in sich keinen politischen Zweck und daher kein Maß, macht folglich im Falle des Sieges von sich aus auch nicht eher Schluß, als bis die Gegnerschaft gegen den nur unter seiner Naturbestimmung vorgestellten feindlichen Stamm sich ausgetobt hat (…)
das Prinzip der von westlichen Beobachtern immer wieder genüßlich zitierten afrikanischen Grausamkeit:

„Beim überfall auf ein Dorf bei Nimule starben im Oktober fast hundert Menschen. Die Karamojong trieben die Bewohner in eine Mulde und warfen jauchzend Handgranaten hinein.“ (Der Spiegel, Nr. 45/1979, S. 167 über „das Chaos in Uganda nach dem Sturz des Diktators“.)

Wenn ein deutscher, weißer Nazi einen Juden umbringt, dann macht er dass weil der Nationalist ist, er seinen Staat voranbringen will und sich einleuchten hat lassen, dass „die Juden“ dem schaden und ein Hindernis sind (so die GSP-Erklärung).

Dagegen ist die Ermordung von Tutsi durch Hutu gänzlich irrational, „unpolitisch“, sozusagen ein Affekt des rückständigen Stammesstolzes, der in seiner Gewalt „kein Maß“ kennt und den zu hinterfragen „der Neger“ gar nicht in der Lage ist. Schließlich kann er aus seinem „Naturzusammenhang“ nicht einfach „heraustreten“.

Berufen sich AfrikanerInnen auf regionale oder Clanidentität, so ist es Ausdruck ihrer „Ursprünglichkeit“ und „Naturhaftigkeit“.
Berufen sich jedoch weiße Europäer darauf, ist das natürlich etwas völlig anderes und sogar eine Zusatzanstrengung:

Das ist eben der Unterschied, daß du als Schotte, Franke oder Ostfriese nicht auf den sozialen Zusamenhang Familie, Clan, Stamm oder Ethnie angewiesen bist um zu überleben; im Gegenteil: es ist eine Zusatzanstrengung bürgerlicher Individuen, wenn sie sich neben den Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers auch noch die Frage stellen, was denn ihre regionale oder verwandtschaftliche Besonderheit ist. (Kaspar im Kf )

Alles in allem lässt sich die MG-Position also in zwei Sätzen zusammenfassen:

Der weiße Europäer, ist dumm, weil er Nationalist ist.

Der „afrikanische Neger“ ist zu dumm, um überhaupt Nationalist zu sein.


3 Antworten auf “Der GSP und die „Negerstämme“ in Afrika”


  1. 1 Kosher 20. Oktober 2007 um 9:46 Uhr

    Fraglich ist allerdings, ob der GSP diese „Analyse“ für den afrikanischen Kontinent auch heute noch vertritt. Oder ob sie ihren Fehler korrigiert haben.

  1. 1 MPunkt Trackback am 21. Oktober 2007 um 9:56 Uhr
  2. 2 Unser Chat ist unerreichbar | Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 29. Dezember 2007 um 15:19 Uhr

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