Archiv für November 2007

Can the Muslim laugh?

Does Islam have a sense of humour?

Realsozialismus: Diktatur über die Bedürfnisse

Im Gegensatz zu anderen marxistischen Kritiken des Realsozialismus betrachtet der ungarische Dissident Ferenc Fehér diesen nicht als „degenerierten Arbeiterstaat“ oder gar als „Staatskapitalismus“, sondern als „Diktatur über die Bedürfnisse“:

Um die Struktur der osteuropäischen Gesellschaften als System der Diktatur über die Bedürfnisse zu begreifen, ist es wichtig, sie als antikapitalistische Formationen aufzufassen. Sie sind das Ergebnis antikapitalistischer Revolutionen oder der militärisch-politischen Expansion einstmals siegreicher Revolutionen und stellen eine Antwort auf den Kapitalismus dar, wenn nicht gar eine Herausfordung für ihn.
Daher können sie nicht mit den Kategorien der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften beschrieben werden, sondern müssen als sozialistische Experimente angesehen werden.

Was sind die Merkmale dieser Diktatur?

Die gesamte Gesellschaft ist in ein Konglomerat aus Lohnarbeitern verwandelt worden. Marx hatte vollständig recht, als er formulierte, die Lohnarbeit sei ein gesellschaftliches Verhältnis- diese Bestimmung gilt für die überwältigende Mehrheit der unter der Diktatur über die Bedürfnisse lebenden Bevölkerung. Die Menschen in dieser Gesellschaft haben keinen anderen Besitz als ihre Arbeitskraft und das, was sie nach den Festsetzungen der Planungselite für ihre Löhne bekommen können. Die Arbeiter können die Proportionen, die Voraussetzungen, die gesellschaftlichen Ziele und die Ergebnisse des Produktionsprozesses nicht bestimmen, und sie haben auch keinen Einfluß auf das für das Leben des einzelnen wichtigste Verhältnis: das zwischen der Arbeitszeit und der Zeit, die selbstbestimmter Aktivität gewidmet ist. Sie haben auch wenig Möglichkeiten, ihre Tätigkeit zu wählen, d.h. nach Belieben ihren Platz innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu wechseln.
(…)
Wenn die Arbeitskraft erst einmal vollständig der Planungselite unterworfen ist, kann der Staat autoritativ festlegen, was menschliche Bedürfnisse im allgmeinen sind und welche Struktur sie annehmen sollten, um mit den Zielen des Systems überein zu stimmen.
(…)
Die Arbeiter sind in einer Diktatur über die Bedürfnisse vollständig jeder Möglichkeit beraubt, ihre Freiheitsbedürfnisse zu artikulieren.

Wie wird sie gerechtfertigt?

Die Planung ist das höchste rationale Prinzip der Diktatur über die Bedürfnisse. Sie geht so weit, daß sie nach gesellschaftlicher Rationalität auf der Ebene der Bedürfnisse der Menschen strebt, daß sie erklärt, diese Bedürfnisse seien nicht existent und sie durch die theoretischen Rezepte der Planungselite ersetzt.(…)
Ihre anmaßenden Ansprüche, das „einzig richtige gesellschaftliche Wissen“ vorzutragen, ihr voluntaristischer Gesellschaftsentwurf und ihre pessimistische Anthropologie markieren das bedeutendste Scheitern des Rationalismus in diesem Jahrhundert.
(…)
Während die Planungselite die kapitalistische Irrationalität richtig kritisierte und das Erbe des modernen Rationalismus antrat, kassierte die marxistische Variante sogar das Recht auf kritisches Denken bei denjenigen, die nicht selbst zu Elite gehören.

Was war -unter anderem- Schuld?

Was diese radikalen Intellektuellen von Marx übernahmen, erwies sich als besonderes fatal: die Fabrik als Modell der gesellschaflichen Verhältnisse für die neue Gesellschaft. Die Wahl dieses Modells implizierte, daß Ziel-Rationalität zum Leitprinzip der radikalen Gesellschaftsvorstellungen wurde.
(…)
Die Wahl bedeutete auch, daß in diesem Modell persönliche Abhängigkeitsverhältnisse mit dem umfassenden System hierarchischer Beziehungen verknüpft wurden- eine typische Erscheinung des kapitalistischen Fabrikalltags, die vom Standpunkt sozialistischer Perspektiven aus nicht akzeptabel ist.

Alle Zitate aus: Ferenc Fehér: „Diktatur über die Bedürfnisse“. In: Ferenc Fehér, Agnes Heller: „Diktatur über die Bedürfnisse. Sozialistische Kritik osteuropäischer Gesellschaftsformationen“, S.25-43.

Der junge Marx über Geschichtsphilosophie

Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produkionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Amerikas der Zweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, wodurch dann die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält und eine „Person neben anderen Personen“ (als da sind: „Selbstbewußtsein, Kritik, Einziger“ etc.) wird, während das, was man mit den Worten „Bestimmung“, „Zweck“, „Keim“, „Idee“ der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eine Abstraktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf die spätere ausübt.

(Aus Karl Marx/Friedrich Engels Die Deutsche Ideologie)

The N-Word I: Was Gegenstandpunkt und Bahamas gemeinsam haben

Was haben GegenStandpunkt und Bahamas gemeinsam? Gar nichts, könnte man meinen.
Außer vielleicht:
das Bleiwüstenlayout.

Dennoch legt die Bahamas bekanntlich großen Wert auf Front- und Backcover. Der Gegenstandpunkt verwendet zwar gar keine Bilder, beim Vorgänger MSZ war dies aber noch üblich.1
Und hier findet sich doch eine Gemeinsamkeit, nämlich in die Vorliebe für „Negerkarikaturen“:

Folgendes Bild findet sich im MSZ-Artikel Entlarvt! (II): Stalinismusvorwurf erkenntnistheoretisch (29. April 1977):

Anlass ist ein Text namens „Zur Kritik der AK“ von der Juso-Hochschulgruppe Nürnberg/Erlangen, der linguistisch-erkenntnistheoretisch argumentiert und der selbst das Beispiel der „Watussi3-Neger“ anführt.

Die MSZ zitiert und kommentiert:


„Doch, was ist „unser Wissen“?? Das Wissen über den Bewegungsablauf des Watussi-Negers beim Kulttanz, oder über die kapitalistische Produktionsweise?“
(Juso HSG)

Weil diesen so grundlegend nach einer Begründung fragenden Menschen die Auskunft fehlt, weswegen wir uns mit dem Kapitalismus beschäftigen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den entscheidenend Mangel der PE hier zu beheben. Watussi-Neger bewegen sich beim Kulttanz überhaupt nicht, sie sind in „Sprache“ und bemühen sich um die wissenschaftliche exakte Einführung von Begriffen.

Die Jusos schreiben weiterhin:


„Die Bücher zur Konkurrenz, vom Staat und vom Weltmarkt, die Marx noch im Aufbauplan zum „Kapital“4 vorgesehen hatte, sind noch nicht, auch nicht von der AK /MG geschrieben.“

Die MSZ erwidert:

Abgesehen davon, daß diese Bücher gegen Voreinsendung von DM 30.- in Briefmarken bei Robert Watussi erhältlich sind, drängt sich der Verdacht auf, daß Leute, die „in Sprache“ sind, an der vorgegebenen Deutung der Welt soviel Erkenntnis entdecken, daß sie dergleichen gar nicht lesen, geschweige denn schreiben wollen.

Der „Witz“ mit dem erfundenen Robert Watussi funktioniert nur deshalb, weil man von den „Angehörigen der schwarzen Rasse“ (GegenStandpunkt 04/06) nicht erwartet, dass sie Gesellschaftskritik leisten könnten, da „ihr Intellekt nicht einmal im entferntesten ausreicht“ (MG 1983). Man lacht über die „primitiven Afrikaner“, die sich „noch nicht einmal vom Naturzusammenhang gelöst haben“ (MG 1983)3 und anscheinend nichts anderes können als Trommeln und Tanzen, nicht aber etwas Geistiges leisten.

„Negerkarikaturen“ finden sich auch in der Bahamas, hier zum Beispiel das Backcover von Ausgabe Nr. 39.
Bahamasbackover

Der Umschlag der Nr. 45 zeigt den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen -für Justus Wertmüller das Zentrum einer Weltverschwörung- Kofi Annan als „Onkel Tom“:

Das folgende Bild ist als solches zwar nicht rassistisch, zeigt aber wer von der Bahamas als Feind angesehen wird:

  1. Die „Marxistische Studentenzeitung“ erschien von 1974 bis 1991 und war zunächst die Publikation des „AK Rote Zellen/Marxistische Gruppen“ und später der „Marxistischen Gruppe“ [zurück]
  2. Watussi: altertümlicher Begriff für Tutsi, jene Gruppe, die dem Genozid von Ruanda 1994 zum Opfer fallen sollte [zurück]
  3. Mir ist bewusst, dass ich hier Zitate aus unterschiedlichen Zeiten zusammenbringe. Da die Nachfolger der Roten Zellen aber noch nie eine ihrer früheren Positionen revidiert haben, werden hier keine verschiedenen Argumentationen zusammen geworfen. [zurück]
  4. Karl Marx plante ursprünglich „Das Kapital“ in sechs Bände aufzuteilen. Zu seinen Lebzeiten konnte er lediglich den ersten Band veröffentlichen, Band 2 und 3 wurden posthum von Friedrich Engels herausgegeben. Siehe hierzu auch: Der 6-Bücher-Plan und der Aufbau des Kapital. Diskontinuierliches in Marx’ theoretischer Entwicklung von Michael Heinrich[zurück]

Ohne Worte