Archiv für September 2008

Zur Psychopathologie der Natascha Wilting

Im von Ljiljana Radonic und Renate Göllner herausgegebenen Sammelband „Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ wurde auch der Artikel „Zur Psychopathologie des Islam“ von Natascha Wilting in abgeänderter Form und unter dem neuen Titel „Die Lust an der Unlust oder warum der Islam so attraktiv ist“ veröffentlicht.

Mit Freud
Was würde Freud über die Person, die dieses Bild auswählte sagen?

AutorInnen und Herausgeberinnen sehen sich –wohl aufgrund des Inhalts- sehr bemüht sich von der Völkerspsychologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abzugrenzen. So schreibt Alex Gruber im Sammelband:

„Die Psychoanalyse ist aber keine Völkerspsychologie: Sie beschäftigt sich vielmehr mit der Konstitution des Individuums; ihr Untersuchungsgegenstand sind der Einzelne und seine psychischen Instanzen in Familie und Gesellschaft.“ (S. 19)

Ganz ähnlich referiert ein Blogger eine Veranstaltung mit Ljiljana Radonic:

„Die Psychoanalyse verkommt zur Völkerpsychologie, die von Kulturen, Völkern oder anderen Kollektiven ausgeht und deren „Miteinander“ verstehen, regeln usw. soll; sie erstarrt im psychoanalytischen Jargon.“

Doch genau dies geschieht im Artikel von Natascha Wilting. Eigentlich sind ihre Behauptungen sogar noch absurder als Nationalcharaktertheorien, die denken, dass sich ein „Volk“ durch eine gemeinsame „psychische Wesensart“ (Josef Stalin) auszeichne. Wiltings Aussagen scheren nämlich nicht nur die paar Millionen Menschen, die angeblich zu einem „Volk“ oder einer Nation gehören, über einen Kamm, sondern gleich mehr als eine Milliarde Menschen, nämlich alle Muslime ohne Unterschied. So spricht sie generalisierend von „dem islamischen Mädchen“ und „dem islamischen Jungen“ und tut dabei so als ob alle Muslime exakt die gleiche Sozialisation durchlaufen würden, egal ob sie als Tochter eines Ziegenhirten in Marokko oder als Sohn eines Anwalts in den USA geboren wurden.

Diese Kollektivpsychologie wurde auch von anderen Koryphäen der (post-)antideutschen Szene übernommen. Im von Thomas von der Osten-Sacken und Christian Knoop verfassten Artikel Zur Psychopathologie des Islamisten wird nicht nur generalisierend vom „islamischen Mann“ geschrieben, sondern auch abwechselnd mit „islamistischer Mann“ und „arabischer Mann“ verwendet, so als ob das alles dasselbe wäre.

Wie wenig Natascha Wilting über „den Islam“ weiß, belegt folgendes Zitat:

„Die Pflichten der Frauen beruhen- wie im übrigen sämtliche Normen und Gesetze, die das Leben der islamischen Gemeinschaft regeln- auf den Suren des Korans, den Aussprüchen des Propheten, den Hadiths und den Gesetzestexten der Scharia.“

Es gibt aber keine vier religiösen Gesetzesquellen, sondern nur die Scharia, die kein eigener Text ist, so wie Wilting sich das vorstellt, sondern sich aus den Hadiths (was eben die überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten sind1) und dem Koran speist.
Apropos Koran: die Ausgabe auf die sich Wilting stützt und für ihr als Beleg angeführt wird, wie „die Muslime“ denken, stammt von der Ahmadiyya-Gemeinde2 und hat eine andere Verszählung als die Koranversion, die im sunnitischen Islam der Standard ist. Deshalb sollte man sie eigentlich nicht zitieren, wie man dem Studienleitenfaden für Erstsemester des Instituts für Islamwissenschaft in Berlin entnehmen kann.
Dort erfährt man auch, wo Gerhard Scheit seine Koranausgabe gekauft hat:

Eine vor allem im Billigsegment (Buchclubs u.ä.) immer wieder aufgelegte Übersetzung von 1916, die miserabel ist und keinesfalls verwendet werden sollte.

„Die Lust and der Unlust“ strotzt nur so von abstrusen Behauptungen. Die Körperrasur von muslimischen Frauen ist ihr ein Beleg dafür, dass „der islamische Mann“ per se ein verkappter Kinderschänder ist:

„Daß die Frau oftmals weitaus jünger ist als der Mann und, bis auf das Haupthaar, gänzlich ohne Haare zu sein hat, zeigt nur einmal mehr, daß es nicht Ziel des moslemischen Gatten ist, mit einer ihm ebenbürtigen Partnerin sich ekstatisch im Spiel der Lust zu verlieren, sondern dass ihm bloß danach gelüstet, etwas, was so kindlich erscheint, wie er ist, sich einzuverleiben.“

Auch wenn es in der „westlichen Zivilisation“ (Wilting) ein Trend ist, sich die Körperhaare abzurasieren und die Frau dort häufig jünger als der Mann ist, scheint es sich dabei nicht um eine Pathologie zu handeln.

Aus folgendem Zitatvergleich leitet sie die Identität zwischen Nationalsozialismus und Islam her:

Ähnlich wie man sich hierzulande ehemals mittels einem zackig vorgetragenem: „Unsere Ehre heißt Treue!“, dem deutschen Staat andiente und sich von diesem erhoffte, daß er als Garant der eigenen Ehre auftrete, unterwerfen sich die gläubigen Moslems ganz der Willkür ihres Gottes, denn: „Wer Allah ehrt, dem wird Ehre zuteil werden.“

Es kommt doch tatsächlich in beiden Sätzen das Wort „Ehre“ vor!

Über Natascha Wiltings Hirngespinste wird hier noch mehrmals berichtet werden. In unbestimmter Zeit wird noch erscheinen:

Märchentante Natascha Wilting über das Stillen des „islamischen Jungen“ bis zum achten Lebensjahr

Völkerspsychologin Natascha Wilting über den „faulen Moslem“, der nicht arbeiten will und deshalb lieber Händler wird

Was in Wiltings Quellen wirklich steht

  1. Im schiitischen Islam auch die der Imame und von Fatima. [zurück]
  2. Dieser zahlenmäßig relativ kleinen Gruppe wurde in Pakistan der Status als Muslime abgesprochen. Dort sind ihre Anhänger auch manchmal Angriffen durch Islamisten ausgesetzt. [zurück]

NS-Relativierung auf (anti-)deutsch

Zum Orientalismus gehört die Vorstellung von der „orientalischen Despotie“, an die der Historiker Ernst Nolte bei seiner Entsorgung von Auschwitz anknüpfte, als er suggestiv fragte, ob die Nazis eine „asiatische Tat“ begangen hätten; auf dieser Linie liegt auch die im zweiten Golfkrieg propagierte Analogie von Saddam Hussein und Hitler, deren Crux darin lag, dass nicht Saddam als eine Art Hitler Nr. 2, sondern Hitler als eine Art Saddam Nr. 1 phantasiert wurde.
Aus: Handbuch Antirassismus (2002)

Passend wie die Faust auf’s Auge schreibt die ISF:

Der Nazifaschismus ermordete die Juden, um die Volksgemeinschaft herzustellen, d.h. letztlich, die bürgerliche Gesellschaft, aus deren Zusammenbruchskrise er entstand, als Naturzusammenhang und eine Art Ameisenstaat zu retten. In diesem Sinne war Hitler der erste Djihadist, und ein kluger Beobachter wie Winston Churchill kam, auf die Frage, was für ein Buch denn “Mein Kampf” sei, darauf, es sei dies “der neue Koran” für Deutsche.