NS-Relativierung auf (anti-)deutsch

Zum Orientalismus gehört die Vorstellung von der „orientalischen Despotie“, an die der Historiker Ernst Nolte bei seiner Entsorgung von Auschwitz anknüpfte, als er suggestiv fragte, ob die Nazis eine „asiatische Tat“ begangen hätten; auf dieser Linie liegt auch die im zweiten Golfkrieg propagierte Analogie von Saddam Hussein und Hitler, deren Crux darin lag, dass nicht Saddam als eine Art Hitler Nr. 2, sondern Hitler als eine Art Saddam Nr. 1 phantasiert wurde.
Aus: Handbuch Antirassismus (2002)

Passend wie die Faust auf’s Auge schreibt die ISF:

Der Nazifaschismus ermordete die Juden, um die Volksgemeinschaft herzustellen, d.h. letztlich, die bürgerliche Gesellschaft, aus deren Zusammenbruchskrise er entstand, als Naturzusammenhang und eine Art Ameisenstaat zu retten. In diesem Sinne war Hitler der erste Djihadist, und ein kluger Beobachter wie Winston Churchill kam, auf die Frage, was für ein Buch denn “Mein Kampf” sei, darauf, es sei dies “der neue Koran” für Deutsche.


8 Antworten auf “NS-Relativierung auf (anti-)deutsch”


  1. 1 andreas 15. September 2008 um 14:09 Uhr

    richtig, saddam wurde erst ab dem 2. golfkrieg bzw durch die besetzung kuwaits in „diesen kreisen“ (damit meine ich in erster linie die amerikanischen konservativen und die deutschen ex-linken) zum „neuen hitler“. noch 1989, im jahr zwischen dem ende des irak-iran-krieges und der kuwait-besatzung, hat er amerikanische delegationen (der regierung von bush d. j.) empfangen. während des krieges mit dem iran kam gar rumsfeld im auftrag reagans nach bagdad. damit kein missverständnis aufkommt: natürlich war er ein faschistischer diktator. aber er war dies spätestens seit seiner endgültigen machtübernahme 1979. und er war dies wegen seiner blutigen unterdrückung der schiiten, kurden und regimegegner im eigenen land. und er war alles andere als ein islamist.

  2. 2 andreas 15. September 2008 um 19:54 Uhr

    sollte natürlich heissen: bush d. ä.

  3. 3 w 19. September 2008 um 10:13 Uhr

    wieso wird noltes ausspruch dem orientalismus zugeschlagen? ‚asiatische tat‘ war für nolte m.e. doch der gulag, also die klassischen barbarischen unzivilisierten horden aus dem osten, kommunisten noch dazu. an den arabischen oder türkischen raum hat er dabei nicht gedacht. oder gibt es dafür belege?

  4. 4 עבד אל-קאדר 20. September 2008 um 11:08 Uhr

    wieso wird noltes ausspruch dem orientalismus zugeschlagen? ‚asiatische tat‘ war für nolte m.e. doch der gulag, also die klassischen barbarischen unzivilisierten horden aus dem osten, kommunisten noch dazu.

    Nolte schrieb:

    „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ,asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkliche Opfer einer ,asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ,Archipel GULag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ,Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ,Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“
    Die „asiatische“ Tat (Tagesspiegel)

    Beides ist also für Nolte eine „‚asiatische‘ Tat“, wobei Auschwitz eine „überschießende Reaktion“ auf den Bolschewismus war und zwischen beiden ein „Kausalnexus“ besteht.

    an den arabischen oder türkischen raum hat er dabei nicht gedacht.

    Die Projektionsfläche des Orientalismus ist nicht milimeter genau der arabische und türkische Raum, sondern „der Orient“, dessen genaue Grenzen verhandelt werden und auf den nicht immer das gleiche projiziert wird. Im Buch „Orientalism“ von Edward Said werden ja z.B. auch China und Indien behandelt.

    oder gibt es dafür belege?

    Einen Beleg für ähnliche Projektionen auf die Sowjetunion gibt es bei Slavoj Zizek:

    Along these lines, some Western Marxists attributed Stalinism to Russia’s belonging to the sphere of the „Asiatic mode of production,“ seeing it as a new form of „Oriental despotism“ – the irony being that, for traditional Russians, the exact opposite hold: „It was always a Western fancy to see Lenin and Stalin as ‚Oriental‘ despots. The great Russian tyrants in the eighteenth and the twentieth century were Westernizers.“ (Lesley Chamberlain, The Philosophy Steamer, London: Atlantic Books 2006, p. 270)

    Mao Zedong: the Marxist Lord of Misrule

  5. 5 עבד אל-קאדר 21. September 2008 um 16:09 Uhr

    Ernst Nolte über Hitler:

    „Anscheinend konnte die Partei des Gegenbürgerkriegs allein aus der deutschen Bedrohung und sogar aus der Gegenwart des russischen Beispiels keinen wirklichen Gegen-Glauben gewinnen. (…) In der inneren Notwendigkeit, dem kommunistischen Hauptgegner einen angemessenen Gegen-Glauben entgegenzusetzen, war Hitler in Ansätzen zugleich anti-bürgerlich und anti-deutsch: uneingestandenermaßen war das gehaßte Schreckbild für ihn zugleich das leitende Vorbild.“

    Via: Sebastian Haffner: „Von Bismarck zu Hitler“ Ernst Nolte: „Der europäische Bürgerkrieg“ ZWEI ALTERNATIVEN BEWÄLTIGTER VERGANGENHEIT ;)

  6. 6 עבד אל-קאדר 21. September 2008 um 16:19 Uhr

    Um das bei Zizek zitierte zu veranschaulichen:
    Die Gruppe Internationaler Kommunisten schrieb in ihren Thesen über den Bolschewismus über Rußland:

    Auf diesem Fundament erhob sich der Staat des zaristischen Absolutismus. Die Existenz dieses Staates beruhte auf dem Gleichgewicht beider besitzender Klassen Rußlands, von denen jede unfähig war, die andere zu verdrängen. Lieferte der russische Kapitalismus dem absoluten Zaren staat das wirtschaftliche Rückgrat, so stellte der grundbesitzende Feudaladel seine politische Stütze dar. „Verfassung“, Wahl“recht“ und „Selbstverwaltungs“system konnten die politische Entrechtung aller Klassen des Zarenstaates nicht verdecken, der unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes in seinen Herrschaftsmethoden eine Mischung von europäischem Absolutismus und ostasiatischer Despotie darstellte.

  7. 7 עבד אל-קאדר 21. September 2008 um 16:26 Uhr

    Und noch ein Beleg, nämlich Wikipedia über Karl Wittfogel und sein Konzept der hydraulischen Gesellschaft und der orientalischen Despotie (die ursprünglich auf Marx zurückgeht):

    Im Jahre 1957, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges veröffentlichte Karl August Wittfogel, ein Experte für Bewässerungszivilisationen, sein Hauptwerk Oriental Despotism (dt. „Die Orientalische Despotie – Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht“, Köln, Berlin 1962). Wittfogel, der durch Aufenthalte in deutschen Konzentrationslagern die brutale Gewalt der totalitären Diktatur am eigenen Leib erlebt hatte, war auf der Flucht vor den Nazis in die USA emigriert, wo er sein magnum opus verfasste, das er als wissenschaftlichen Beitrag im ideologischen Kampf gegen den sowjetischen Kommunismus verstand. Im kommunistischen Bolschewismus der Sowjetunion sah Wittfogel den modernen Nachfolger der zaristischen Despotie. Russland sei durch die Jahrhunderte lange Mongolenherrschaft asiatisiert worden und habe die in Ostasien entstandenen despotischen Strukturen adaptiert.

    In seinem monumentalen Hauptwerk postuliert Wittfogel, dass die alten orientalischen Autokratien, die sich auf der Basis künstlicher Bewässerungssysteme an den großen Strömen des Euphrat, Jangtse, Indus und Nil entwickelten und heute als die zivilisatorischen Wiegen der Menschheit gelten, zu ein- und demselben Gesellschafts- und Herrschaftstypus gehören, der hydraulischen Gesellschaft (bzw. orientalischen Despotie), die sich durch Transfer ihrer Strukturelemente auch in nicht-aride Regionen (Gebiete ohne künstliche Bewässerung) wie z. B. Russland ausbreitete. Die Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen dieses Systems hatten nach Wittfogel in den Kulturen des Orients über Jahrtausende hin fast unverändert Bestand und waren seit den Anfängen der Zivilisationen in Asien und im Vorderen Orient bis in die Neuzeit anzutreffen.

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