Archiv für Januar 2009

ISF: Lob des Feudalismus

Während man von Seiten einiger Antideutscher jahrelang das Argument hörte, die Militärintervention im Irak sei notwendig, um dort den Kapitalismus einzuführen und damit Bedingungen zu schaffen, den Kapitalismus zu überwinden, haben diese inzwischen eingesehen, dass diese These nicht pro-westlich genug ist und auch die Formen des europäischen Mittelalters schon verdammt emanzipatorisch waren.1
So schreibt die Blogkommentatorin Anette:

Nun fehlt es im Gaza, dort wo der Feudalismus noch ein Fortschritt wäre, bestimmt nicht an finanzieller Hilfe.

Diesen klugen Gedanken hat sie wahrscheinlich beim Lesen eines ISF-Flugblatts entdeckt. Dort wird über das historische Palästina geschrieben:

(…) keinen Staat, kein zentralisiertes Gewaltmonopol, gab es in Palästina, dessen vorfindliche Souveränität man, wie es die französischen Revolutionäre taten, erobern und sich aneignen hätte können. Kein Staatsterritorium gab es, dessen Bewohner man hätte zur Bevölkerung formen können. Keine Gesellschaft gab es, wie in Frankreich, deren Produktionsweise irgend auf den Kapitalismus hinwies. Was es in Palästina gab, das war die Herrschaft des Osmanischen Reiches, d.h. das gesellschaftliche System einer asiatischen Despotie und einer asiatischen Produktionsweise, in der, im islamischen Kalifat (dem die Hamas bis heute nachtränt), die bedingungslose Einheit weltlicher und geistlicher Macht herrschte

Zunächst stimmt es, dass dieses Gebiet von 1516–1831 und 1841-1917 unter Herrschaft des Osmanischen Reiches stand und Karl Marx dieses als „orientalischen Despotismus“ mit „asiatischer Produktionsweise“ beschrieb. Marx war tatsächlich einige Zeit der Auffassung, dass sich aus der asiatischen Produktionsweise nicht von selbst ein Kapitalismus entwickeln könne und dass die Kolonialherrschaft deshalb eine historische Notwendigkeit sei. Diese Position revidierte er jedoch später wieder, wie man am berühmten Brief an Vera Sassulitsch sehen kann.
Weiterhin schreibt die ISF über die vormoderne palästinensische Gesellschaft:

(…) in der der Einzelne, als Fellache, keineswegs, wie der europäische Bauer, ein Privateigentum an Grund und Boden genoß, sondern ein rechtloser Pächter war.

Darauf, inwieweit sich die damalige Gesellschaft auch empirisch korrekt mit dem Marxschen Begriff der asiatischen Produktionsweise (.doc) beschreiben lässt und ob die Bevölkerungsmehrheit überhaupt aus Fellachen bestand, geht die ISF nicht ein. Stattdessen wird die Überlegenheit des europäischen Feudalismus „bewiesen“. Dieser Beweis lässt sich leicht entkräften, da die der Feudalherrschaft unterworfenen Bauern entweder Leibeigene oder Hörige (in Deutschland erst 1848 abgeschafft) waren, jedoch keine von diesen Grundeigentum besitzen durften. Entsprechend dieser Argumentation könnte man auch behaupteten, dass die soziale Position des Fellachen „besser“ war, denn immerhin (!) war der ja kein Leibeigener…

Der Fellache war dem Mullah hörig wie kein Bauer seinem Pfaffen.

Woher sie das weiß, verrät die ISF nicht. Warum das so gewesen soll auch nicht. Wahrscheinlich liegt es am „arabischen Nationalcharakter“.

In Palästina gab es kein “Volk”, keine Masse Mensch, die irgend zum Staatsmaterial qualifiziert war, sondern moslemische Staatssklaven. In dieser despotischen Gesellschaft inaugurierten die jüdischen Immigranten in einem den Prozeß der “ursprünglichen Akkumulation” des Kapitals wie zugleich den der ursprünglichen Zentralisation der politischen Gewalt. Proletarier aller Länder, die den Status des Bürgers nicht anders denn als Freiheit begreifen konnten, setzten das “automatische Subjekt” (Marx) ex nihilo ins Werk, die dazu nötige Staatsgewalt inklusive.

Hier geht etwas durcheinander, denn die israelische Staatsgründung fand ja nach der Phase des britischen Mandatsgebiet statt und nicht während des Osmanischen Reiches.

Entgegen aller anderslautenden Selbstbekundungen steht die ISF mit ihrer ML-Stadientheorie dem „abgelebten MaoStalinisten Enver Hoxha“ näher als sie vielleicht denkt und führt in schlechter Argumentation einige Irrwege von Friedrich Engels weiter:

Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen:
Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus. (MEW 20:168)

  1. Die AANO hatte vor einigen Jahren noch das Massakrieren der Native Americans zum Zwecke der Eliminierung des Feudalismus gerechtfertigt. [zurück]