ISF: Lob des Feudalismus

Während man von Seiten einiger Antideutscher jahrelang das Argument hörte, die Militärintervention im Irak sei notwendig, um dort den Kapitalismus einzuführen und damit Bedingungen zu schaffen, den Kapitalismus zu überwinden, haben diese inzwischen eingesehen, dass diese These nicht pro-westlich genug ist und auch die Formen des europäischen Mittelalters schon verdammt emanzipatorisch waren.1
So schreibt die Blogkommentatorin Anette:

Nun fehlt es im Gaza, dort wo der Feudalismus noch ein Fortschritt wäre, bestimmt nicht an finanzieller Hilfe.

Diesen klugen Gedanken hat sie wahrscheinlich beim Lesen eines ISF-Flugblatts entdeckt. Dort wird über das historische Palästina geschrieben:

(…) keinen Staat, kein zentralisiertes Gewaltmonopol, gab es in Palästina, dessen vorfindliche Souveränität man, wie es die französischen Revolutionäre taten, erobern und sich aneignen hätte können. Kein Staatsterritorium gab es, dessen Bewohner man hätte zur Bevölkerung formen können. Keine Gesellschaft gab es, wie in Frankreich, deren Produktionsweise irgend auf den Kapitalismus hinwies. Was es in Palästina gab, das war die Herrschaft des Osmanischen Reiches, d.h. das gesellschaftliche System einer asiatischen Despotie und einer asiatischen Produktionsweise, in der, im islamischen Kalifat (dem die Hamas bis heute nachtränt), die bedingungslose Einheit weltlicher und geistlicher Macht herrschte

Zunächst stimmt es, dass dieses Gebiet von 1516–1831 und 1841-1917 unter Herrschaft des Osmanischen Reiches stand und Karl Marx dieses als „orientalischen Despotismus“ mit „asiatischer Produktionsweise“ beschrieb. Marx war tatsächlich einige Zeit der Auffassung, dass sich aus der asiatischen Produktionsweise nicht von selbst ein Kapitalismus entwickeln könne und dass die Kolonialherrschaft deshalb eine historische Notwendigkeit sei. Diese Position revidierte er jedoch später wieder, wie man am berühmten Brief an Vera Sassulitsch sehen kann.
Weiterhin schreibt die ISF über die vormoderne palästinensische Gesellschaft:

(…) in der der Einzelne, als Fellache, keineswegs, wie der europäische Bauer, ein Privateigentum an Grund und Boden genoß, sondern ein rechtloser Pächter war.

Darauf, inwieweit sich die damalige Gesellschaft auch empirisch korrekt mit dem Marxschen Begriff der asiatischen Produktionsweise (.doc) beschreiben lässt und ob die Bevölkerungsmehrheit überhaupt aus Fellachen bestand, geht die ISF nicht ein. Stattdessen wird die Überlegenheit des europäischen Feudalismus „bewiesen“. Dieser Beweis lässt sich leicht entkräften, da die der Feudalherrschaft unterworfenen Bauern entweder Leibeigene oder Hörige (in Deutschland erst 1848 abgeschafft) waren, jedoch keine von diesen Grundeigentum besitzen durften. Entsprechend dieser Argumentation könnte man auch behaupteten, dass die soziale Position des Fellachen „besser“ war, denn immerhin (!) war der ja kein Leibeigener…

Der Fellache war dem Mullah hörig wie kein Bauer seinem Pfaffen.

Woher sie das weiß, verrät die ISF nicht. Warum das so gewesen soll auch nicht. Wahrscheinlich liegt es am „arabischen Nationalcharakter“.

In Palästina gab es kein “Volk”, keine Masse Mensch, die irgend zum Staatsmaterial qualifiziert war, sondern moslemische Staatssklaven. In dieser despotischen Gesellschaft inaugurierten die jüdischen Immigranten in einem den Prozeß der “ursprünglichen Akkumulation” des Kapitals wie zugleich den der ursprünglichen Zentralisation der politischen Gewalt. Proletarier aller Länder, die den Status des Bürgers nicht anders denn als Freiheit begreifen konnten, setzten das “automatische Subjekt” (Marx) ex nihilo ins Werk, die dazu nötige Staatsgewalt inklusive.

Hier geht etwas durcheinander, denn die israelische Staatsgründung fand ja nach der Phase des britischen Mandatsgebiet statt und nicht während des Osmanischen Reiches.

Entgegen aller anderslautenden Selbstbekundungen steht die ISF mit ihrer ML-Stadientheorie dem „abgelebten MaoStalinisten Enver Hoxha“ näher als sie vielleicht denkt und führt in schlechter Argumentation einige Irrwege von Friedrich Engels weiter:

Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen:
Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus. (MEW 20:168)

  1. Die AANO hatte vor einigen Jahren noch das Massakrieren der Native Americans zum Zwecke der Eliminierung des Feudalismus gerechtfertigt. [zurück]

6 Antworten auf “ISF: Lob des Feudalismus”


  1. 1 andreas 13. Januar 2009 um 12:17 Uhr

    es gab also nach isf keinen staat, kein „zentralisiertes gewaltmonopol“, keine souveränität, kein territorium, kein staatsvolk. es gab nicht die richtige kultur, nicht das richtige wirtschaftssystem, also gab es GAR kein volk in palästina. die landaneignung der jüdischen einwanderer und das ende der osmanischen herrschaft war zum wohle des landes und auch zu dem der palästinenser, insbesondere des „einzelnen fellachen“. die nicht-qualifikation der araber palästinas zum „staatsmaterial“ wird überzeugend und streng marxistisch begründet. Ein Schuft, der Schlechtes dabei denkt.

  2. 2 andreas 14. Januar 2009 um 19:03 Uhr

    ob sich die „anti“deutschen mit dem gerede von „asiatischer“ despotie u. produktionsweise auf karl marx berufen können, ist fragwürdig. die assoziation mit hitler, der nicht nur in seinem testament von den „asiatischen horden“ faselte, und ernst nolte mit seiner „asiatischen tat“ ist jedenfalls auch da.

  3. 3 nachhilfe 25. Januar 2009 um 17:08 Uhr

    das problem ist, dass du den text einfach nicht verstehen willst: was nicht sein darf, kann nicht sein. weder wird der feststellung, dass die damaligen verhältnisse selbst unter dem niveau des feudalismus standen, ein vergleich also, eine vulgärmarxistische stadientheorie unterlegt, noch wird die britische mandatsphase verdrängt, sondern lediglich festgehalten, dass die israelische staatsgründung die ursprüngliche akkumulation etablierte, von der eben auch während jener phase des britischen mandats nicht wirklich die rede sein kann. du projizierst etwas in den text hinein, was dort nicht steht. genau deshalb kannst du auch keine belege für deine suggestion vorweisen.

  4. 4 עבד אל-קאדר 26. Januar 2009 um 18:12 Uhr

    das problem ist, dass du den text einfach nicht verstehen willst

    Ein logisch oft widersprüchlicher Text ist rational auch schwer zu verstehen.
    Einerseits gab es -laut ISF- „keinen Staat“, gleichzeitig aber die „die Herrschaft des Osmanischen Reiches“ und „moslemische Staatssklaven“. Kannst du mir das erklären?

    was nicht sein darf, kann nicht sein.

    Was darf denn nicht sein?

    weder wird der feststellung, dass die damaligen verhältnisse selbst unter dem niveau des feudalismus standen, ein vergleich also, eine vulgärmarxistische stadientheorie unterlegt,

    Der Fehler der ISF (und bei dir) liegt beim Vergleich zwischen dem Feudalismus und der asiatischen Produktionsweise. Beleg doch mal warum letztere „unter dem Niveau“ von ersterem stand.
    Was die ISF behauptet ist, dass sich aus der asiatischen Produktionsweise von selbst kein Kapitalismus entwickeln könne, im Gegensatz zum Feudalismus:

    Keine Gesellschaft gab es, wie in Frankreich, deren Produktionsweise irgend auf den Kapitalismus hinwies.

    Es ist geschichtsteleologisch zu behaupten, dass der Feudalismus auf irgend etwas hingewiesen hätte (Vgl dazu Marx/Engels). Oder ist die Erfindung der Dampfmaschine -um ein Beispiel zu nennen- etwa schon in der Beziehung zwischen Lehensherr und Leibeigenem angelegt? So kommt die ISF tatsächlich zu einer unilinearen, quasi-gesetzmässigen Stadientheorie:
    Feudalismus (schon ein bisschen fortschrittlich) -> Kapitalismus (ganz fortschrittlich) -> Kommunismus (Vollendung des Fortschritts).

    noch wird die britische mandatsphase verdrängt, sondern lediglich festgehalten, dass die israelische staatsgründung die ursprüngliche akkumulation etablierte

    Doch wird sie. Im Text liest es sich so, als ob die israelische Staatsgründung die „asiatische Despotie“ abgelöst hätte:

    In Palästina gab es (…) moslemische Staatssklaven. In dieser despotischen Gesellschaft inaugurierten die jüdischen Immigranten in einem den Prozeß der “ursprünglichen Akkumulation” des Kapitals wie zugleich den der ursprünglichen Zentralisation der politischen Gewalt.“

    von der eben auch während jener phase des britischen mandats nicht wirklich die rede sein kann.

    Kannst du das näher erläutern?

    du projizierst etwas in den text hinein, was dort nicht steht. genau deshalb kannst du auch keine belege für deine suggestion vorweisen.

    Du verdrängst Dinge, die in meinem Text stehen, deshalb kannst du auch keine Belege dafür vorweisen, dass ich keine Belege vorweise.

  5. 5 עבד אל-קאדר 26. Januar 2009 um 20:16 Uhr

    P.S. In der Prodomo steht dort hätte es Feudalismus gegeben.
    hxxp://prodomo.50webs.net/10/die_weisen_von_palaestina.html
    Wer hat nun Recht? Prodomo oder ISF?

  1. 1 someone says « cosmojl Pingback am 17. Februar 2009 um 23:27 Uhr

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × zwei =