Archiv für Mai 2009

Le mauvais sauvage

Exotisten lieben den ‚edlen Wilden.‘

Leser von Politically Incorrect Bonjour Tristesse hassen ‚primitive Barbaren.‘

Dass sie selbst den selben Kulturalismus vertreten, nur unter umgekehrten Vorzeichen, fällt letzteren wohl nicht auf.

Der Multikulturalismus und seine Gegner

Der ebenso symbolische wie todbringende Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Centre in New York hat aus der Sicht der Kritiker den multikulturellen Illusionen ein Ende und den „Kampf der Kulturen“ zur scheinbar unausweichlichen Realität gemacht. Längst begnügen sich die Kritiker, die nun die Begriffe „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“ erfanden, nicht mehr mit hämischen Glossen und rechthaberischen Seitenhieben auf die „multikulturellen Spielwiesen“ des grünalternativen Milieus. Alle Versuche einer pluralistischen Integration vor allem der „Muslime“ seien nach den Anschlägen von Madrid 2003 und London 2005 erkennbar mißlungen, die Idee der multikulturellen Gesellschaft sei auf der ganzen Linie gescheitert, statt dessen seien wir nun allenthalben mit „islamischen Parallelgesellschaften“ konfrontiert, in denen scheinbar andere Regeln des Zusammenlebens gelten – so, oder so ähnlich lauten die neuesten Einsichten in den Zustand der Republik, auf den sich in kurzer Zeit der politische und mediale Konsens eingependelt zu haben scheint. Nun wird ein neues Verständnis, ja ein „neues Regime“ der Integration verlangt, dem sich die de facto Zugewanderten durch obligatorische Sprach und Integrationskurse zu unterwerfen hätten. Vor dem Hintergrund der neoliberalen Ideologie des „fordernden Sozialstaates“ können nun die Erwartungen an die Zuwanderer und ihre Integrationsbereitschaft heraufgesetzt und Sanktionen im Falle der „Integrationsunwilligkeit“ angedroht werden.

Mit etwas Distanz zu den Debatten um die Einwanderung in Deutschland kann man in der Rückschau sehen, daß der „Multikulturalismus“ ,wie in den Ländern, in denen er entstanden ist auch, von verschiedenen politischen Gruppierungen der Mehrheit als ein Medium der Selbstbeschreibung und der Selbstverständigung der alten und neuen Bundesrepublik genutzt worden ist.
(…)
Dabei zeigt sich, daß Opponenten und Proponenten des Multikulturalismus sich nur spiegelverkehrt aus dem gleichen semantischen Repertoire des Nationalismus bedienen.

Aus: Frank-Olaf Radtke Vom Multikulturalismus zur Parallelgesellschaft