Der Multikulturalismus und seine Gegner

Der ebenso symbolische wie todbringende Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Centre in New York hat aus der Sicht der Kritiker den multikulturellen Illusionen ein Ende und den „Kampf der Kulturen“ zur scheinbar unausweichlichen Realität gemacht. Längst begnügen sich die Kritiker, die nun die Begriffe „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“ erfanden, nicht mehr mit hämischen Glossen und rechthaberischen Seitenhieben auf die „multikulturellen Spielwiesen“ des grünalternativen Milieus. Alle Versuche einer pluralistischen Integration vor allem der „Muslime“ seien nach den Anschlägen von Madrid 2003 und London 2005 erkennbar mißlungen, die Idee der multikulturellen Gesellschaft sei auf der ganzen Linie gescheitert, statt dessen seien wir nun allenthalben mit „islamischen Parallelgesellschaften“ konfrontiert, in denen scheinbar andere Regeln des Zusammenlebens gelten – so, oder so ähnlich lauten die neuesten Einsichten in den Zustand der Republik, auf den sich in kurzer Zeit der politische und mediale Konsens eingependelt zu haben scheint. Nun wird ein neues Verständnis, ja ein „neues Regime“ der Integration verlangt, dem sich die de facto Zugewanderten durch obligatorische Sprach und Integrationskurse zu unterwerfen hätten. Vor dem Hintergrund der neoliberalen Ideologie des „fordernden Sozialstaates“ können nun die Erwartungen an die Zuwanderer und ihre Integrationsbereitschaft heraufgesetzt und Sanktionen im Falle der „Integrationsunwilligkeit“ angedroht werden.

Mit etwas Distanz zu den Debatten um die Einwanderung in Deutschland kann man in der Rückschau sehen, daß der „Multikulturalismus“ ,wie in den Ländern, in denen er entstanden ist auch, von verschiedenen politischen Gruppierungen der Mehrheit als ein Medium der Selbstbeschreibung und der Selbstverständigung der alten und neuen Bundesrepublik genutzt worden ist.
(…)
Dabei zeigt sich, daß Opponenten und Proponenten des Multikulturalismus sich nur spiegelverkehrt aus dem gleichen semantischen Repertoire des Nationalismus bedienen.

Aus: Frank-Olaf Radtke Vom Multikulturalismus zur Parallelgesellschaft


6 Antworten auf “Der Multikulturalismus und seine Gegner”


  1. 1 Frage 18. Mai 2009 um 20:37 Uhr

    Naiv anmutende aber ernst gemeinte Frage: Was ist die Alternative zum Multikulturalismus? Ein Multikultrualismus, der sich nicht aus den „gleichen semantischen Repertoire des Nationalismus bedient“? Die Frage wird im Text nicht behandelt und da ich mich mit der Thematik kaum beschäftigt habe, frage ich mal nach…

  2. 2 עבד אל-קאדר 19. Mai 2009 um 21:10 Uhr

    Gar kein Multikulturalismus wäre die Alternative.
    Eine Werthaltung, die auf das „friedliche Miteinander der Kulturen“ abzielt, kann selbst problematisch werden, wenn sie Menschen immer nur als Anhängsel einer Kultur betrachtet. Der Andere wird hier zwar nicht verachtet oder totgeschlagen, sondern für seine Fremdheit gelobt und bewundert. Trotzdem ist auch hier ein ethnisierender Blick unterwegs.

    Ist das eine halbwegs zufrieden stellende Antwort?

    In Deutschland sind multikulturelle Konzepte gar nicht vorherrschend, sondern es geht eher darum, dass sich MigrantInnen der deutschen Leitkultur unterwerfen, halt nein, die universellen Werte der europäischen Aufklärung für sich annehmen.

  3. 3 skp 19. Mai 2009 um 21:25 Uhr

    dein standpunkt zu multikulturalismus ist doch selbst ein resultat der aufklärung? deutsche bzw. europäische leitkultur trifft es da doch eher.

  4. 4 עבד אל-קאדר 20. Mai 2009 um 16:35 Uhr

    Stimmt, wenn Avicenna und Averroës nicht gelebt hätten, könnte ich nie denken was ich denke. ;)

    Auf was ich anspielte, ist die Instrumentalisierung der Aufklärung in Deutschland, wo man einen Universalismus vertritt, der letzten Endes nur ein verkleideter Partikularismus ist. Die Deutschen werden dann per se als aufgeklärt dargestellt, sie sind automatisch Individuen, während MigrantInnen aus Asien oder Afrika erst mal dieses evolutionäre Stadium erreichen müssen und sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren müssen.

  5. 5 week-end 11. August 2009 um 14:17 Uhr

    hi ich finde die themen die hir angesprochen werden sehr interessant leider ist mein wissen darüber mehr als begrenzt ^^

    ich würde aber gerne mit anderen leuten darüber sprechen erfahrungen und wissen austauschen weil ich viel darüber lernen will …..

    ich bin serbe und musste mir von albanern, bosna und makedonern einiges anhören ^^

    serben werden sterben , scheiß cethik usw. ^^

    ich war aber in diesen balkan krieg nicht dabei habe nie eine waffe gehalten und auf ein albaner oder bosna gerichtet …. was haben die also für ein problem ?

    ich bin nicht wieder jeder andere serbe … ich höre rock zocke am pc…. schreib sehr gern … eben anders ….

    ich habe albanische , mazedonische und türkische ( sehr gute ) freunde…. also man kann nicht wirklich sagen das ich was gegen sie habe …..

    die schlimmsten sind leider die jugendlichen ….. albaner , mazedoner bosna und auch serben

    ich würd mehr über serbien wissen wollen mehr über diesen krieg mehr über dieses multikulturelle achja und einfach mehr über geschichte mehr über rasissmus…..

    wenn mir jemand helfen will…. meine addy ist
    games-hour -at- hotmail.de

  6. 6 suedpol 25. Oktober 2009 um 13:32 Uhr

    @ week-end:

    wenn du dich für Serbien interessierst, dann hör doch mal hier rein:
    http://www.suedpol.net/index.php/audio/70--juergen-elsaesser-terrorziel-europa

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