Aufgeklärte Deutsche – antisemitische Migranten?

Vom Thema Antisemitismus unter Migrant_innen, mit dem sich auch ein älterer Text von Café Morgenland beschäftigt, handelt ein Artikel (.pdf) von Wolfram Stender. Dass Judenfeindschaft auch in der so genannten Einwanderungsgesellschaft existiert, lässt sich nicht leugnen, das Problem der diesbezüglichen Diskussionen der letzten Jahre sind ihre oft pauschalen Unterstellungen. In Veröffentlichungen wie denen von Hans Peter Raddatz wird Antisemitismus zum Wesen „der Muslime“ erklärt, weshalb solche Positionen als Entlastung deutscher Schuld fungieren.
Im folgenden einige Auszüge aus dem oben genannten Artikel:

Auch Philipp Gessler (2004) und Matthias Küntzel (2007) sehen im „muslimischen Antisemitismus“ die größte Herausforderung unserer Zeit. Küntzel beruft sich auf eine „Studie der Alice-Salomon-Fachhochschule“, auf deren fragwürdige wissenschaftliche Qualität ich noch zu sprechen komme. Diese habe gezeigt, dass bereits „Kinder und Jugendliche aus islamischen Familien eine ‚feste antisemitische Haltung’ einnehmen“ (Küntzel 2007: 1). „Zunehmend“ werde „Jagd auf jüdische Mitschüler gemacht“; „zunehmend“ habe sich „in bestimmten Milieus der Antisemitismus als Bestandteil muslimischer Identität etabliert“ (ebd.). Die „antisemitische Aufhetzung muslimischer Jugendlicher“ stelle allerdings nur die Spitze eines Eisberges dar:
„Das darunter liegende Massiv entzieht sich unserem Blick: Der Antisemitismus der
islamischen Welt.“
(Küntzel 2007: 2) Gessler bläst in das gleiche Horn: „Am auffälligsten ist die Explosion des muslimischen Judenhasses. (…) Er verbreitet sich in Deutschland vor allem über die modernen Medien wie Satellitenfernsehen und Internet in den muslimisch geprägten Migranten-Milieus. Es waren zum großen Teil muslimische Migranten, vor allem junge Männer, die in den vergangenen Jahren zu Gewalt gegen Juden griffen.“ (Gessler 2004: 125)
(…)
Insgesamt ist die Forschungslage also äußerst unzureichend. Umso frappierender ist es dann
aber, wie sicher sich Autoren wie Küntzel und Gessler mit ihrer These eines wachsenden
„muslimischen Antisemitismus“ in Deutschland sind. Tatsächlich gibt es keine belastbaren
Forschungsergebnisse, geschweige denn repäsentative Erhebungen, die den Nachweis eines
spezifisch migrantischen Antisemitismus erbringen. Die meisten Einschätzungen bewegen
sich auf der Ebene des mehr oder minder informierten, politisch aber durchaus folgenreichen
Verdachts.

Die antisemitischen „Anderen“ – eine neue Form des sekundären Antisemitismus?
Der kulturalisierenden, ‚religionisierenden’ Wahrnehmung eines „muslimischen
Antisemitismus“ liegt eine Konstruktion zugrunde, die für den Kampf gegen eine angebliche
Islamisierung Europas von unschätzbarem Wert ist. Sie verknüpft diesen mit dem
kategorischem Imperativ des „Nie wieder Auschwitz“. In dem Kompositum „muslimischer
Antisemitismus“ wird ein innerer Zusammenhang zwischen Islam und Antisemitismus
hergestellt. Antisemitismus wird zum Wesensmerkmal des Islam erklärt (exemplarisch:
Raddatz 2007). Dadurch entsteht ein gigantisches Bedrohungsszenario. Sofern ein Muslim
kein manifester Antisemit ist, ist er es zumindest latent. Der Antisemitismusverdacht erfasst
schlechthin alle Muslime, also etwa 1,3 Milliarden Menschen. Aber schlimmer noch: Die
Muslime befinden sich in numerisch nicht unbedeutender Zahl bereits im „eigenen“ Land,
und mit jedem neu ankommenden Muslim wächst die antisemitische Gefahr auch in
Deutschland wieder. Historische Verantwortungsübernahme heißt dann, sich gegen diese
Gefahr zur Wehr zu setzen – und zwar mit allen Mitteln, die dem demokratischen Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Fatal ist diese Konstruktion in mehrfacher Hinsicht. Als hoch attraktiver Entlastungsmechanismus für die Mehrheitsgesellschaft externalisiert sie das
gesellschaftliche Problem des modernen Antisemitismus. Wie beim Rechtsextremismus
erscheint der Antisemitismus auch hier als eine Gefahr, die von außen das demokratische
Gemeinwesen bedroht.

Quelle: Der Antisemitismusverdacht. Zur Diskussion über einen „migrantischen Antisemitismus“ in Deutschland. In: Migration und Soziale Arbeit, 30. Jg., H 3 / 4, Oktober 2008, S. 284 – 291.


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