Archiv der Kategorie 'Antisemitismus'

Aufgeklärte Deutsche – antisemitische Migranten?

Vom Thema Antisemitismus unter Migrant_innen, mit dem sich auch ein älterer Text von Café Morgenland beschäftigt, handelt ein Artikel (.pdf) von Wolfram Stender. Dass Judenfeindschaft auch in der so genannten Einwanderungsgesellschaft existiert, lässt sich nicht leugnen, das Problem der diesbezüglichen Diskussionen der letzten Jahre sind ihre oft pauschalen Unterstellungen. In Veröffentlichungen wie denen von Hans Peter Raddatz wird Antisemitismus zum Wesen „der Muslime“ erklärt, weshalb solche Positionen als Entlastung deutscher Schuld fungieren.
Im folgenden einige Auszüge aus dem oben genannten Artikel:

Auch Philipp Gessler (2004) und Matthias Küntzel (2007) sehen im „muslimischen Antisemitismus“ die größte Herausforderung unserer Zeit. Küntzel beruft sich auf eine „Studie der Alice-Salomon-Fachhochschule“, auf deren fragwürdige wissenschaftliche Qualität ich noch zu sprechen komme. Diese habe gezeigt, dass bereits „Kinder und Jugendliche aus islamischen Familien eine ‚feste antisemitische Haltung’ einnehmen“ (Küntzel 2007: 1). „Zunehmend“ werde „Jagd auf jüdische Mitschüler gemacht“; „zunehmend“ habe sich „in bestimmten Milieus der Antisemitismus als Bestandteil muslimischer Identität etabliert“ (ebd.). Die „antisemitische Aufhetzung muslimischer Jugendlicher“ stelle allerdings nur die Spitze eines Eisberges dar:
„Das darunter liegende Massiv entzieht sich unserem Blick: Der Antisemitismus der
islamischen Welt.“
(Küntzel 2007: 2) Gessler bläst in das gleiche Horn: „Am auffälligsten ist die Explosion des muslimischen Judenhasses. (…) Er verbreitet sich in Deutschland vor allem über die modernen Medien wie Satellitenfernsehen und Internet in den muslimisch geprägten Migranten-Milieus. Es waren zum großen Teil muslimische Migranten, vor allem junge Männer, die in den vergangenen Jahren zu Gewalt gegen Juden griffen.“ (Gessler 2004: 125)
(…)
Insgesamt ist die Forschungslage also äußerst unzureichend. Umso frappierender ist es dann
aber, wie sicher sich Autoren wie Küntzel und Gessler mit ihrer These eines wachsenden
„muslimischen Antisemitismus“ in Deutschland sind. Tatsächlich gibt es keine belastbaren
Forschungsergebnisse, geschweige denn repäsentative Erhebungen, die den Nachweis eines
spezifisch migrantischen Antisemitismus erbringen. Die meisten Einschätzungen bewegen
sich auf der Ebene des mehr oder minder informierten, politisch aber durchaus folgenreichen
Verdachts.

Die antisemitischen „Anderen“ – eine neue Form des sekundären Antisemitismus?
Der kulturalisierenden, ‚religionisierenden’ Wahrnehmung eines „muslimischen
Antisemitismus“ liegt eine Konstruktion zugrunde, die für den Kampf gegen eine angebliche
Islamisierung Europas von unschätzbarem Wert ist. Sie verknüpft diesen mit dem
kategorischem Imperativ des „Nie wieder Auschwitz“. In dem Kompositum „muslimischer
Antisemitismus“ wird ein innerer Zusammenhang zwischen Islam und Antisemitismus
hergestellt. Antisemitismus wird zum Wesensmerkmal des Islam erklärt (exemplarisch:
Raddatz 2007). Dadurch entsteht ein gigantisches Bedrohungsszenario. Sofern ein Muslim
kein manifester Antisemit ist, ist er es zumindest latent. Der Antisemitismusverdacht erfasst
schlechthin alle Muslime, also etwa 1,3 Milliarden Menschen. Aber schlimmer noch: Die
Muslime befinden sich in numerisch nicht unbedeutender Zahl bereits im „eigenen“ Land,
und mit jedem neu ankommenden Muslim wächst die antisemitische Gefahr auch in
Deutschland wieder. Historische Verantwortungsübernahme heißt dann, sich gegen diese
Gefahr zur Wehr zu setzen – und zwar mit allen Mitteln, die dem demokratischen Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Fatal ist diese Konstruktion in mehrfacher Hinsicht. Als hoch attraktiver Entlastungsmechanismus für die Mehrheitsgesellschaft externalisiert sie das
gesellschaftliche Problem des modernen Antisemitismus. Wie beim Rechtsextremismus
erscheint der Antisemitismus auch hier als eine Gefahr, die von außen das demokratische
Gemeinwesen bedroht.

Quelle: Der Antisemitismusverdacht. Zur Diskussion über einen „migrantischen Antisemitismus“ in Deutschland. In: Migration und Soziale Arbeit, 30. Jg., H 3 / 4, Oktober 2008, S. 284 – 291.

„…über Agenten und Zionisten“

Terminal 119 und Café Morgenland mit einem neuen Text über Antisemitismus und Rassismus in Griechenland, vor allem am Fall von Konstantinos Plevris.

Der Antisemitismus und die Linke I- Klassiker über den Antisemitismus

Il n‘y a pas d‘Aryens, il n‘y a pas de sémites : il y a des pauvres et des riches, des exploiteurs et des exploités. (…)
A ceux qui dénonceront devant toi le péril juif, réponds en attaquant le capital, quel qu‘il soit, juif ou chrétien : le capital sans qualificatif. A ceux qui t‘engagent à crier à bas Israël, réponds encore à bas le capital, à bas la propriété, et ne sors pas de là, ne te laisse pas détourner de ta route par ceux qui veulent t‘engager dans une impasse qui ne te conduira à rien.
Va ! la finance, l‘agio, le capital, la propriété, tous tes ennemis, en un mot, ne sont pas juifs, ils sont universels, ils sont chrétiens, ils sont musulmans, ils sont bouddhistes.

(Bernard Lazare 1899)

Zu Dokumentationszwecken poste ich im folgenden einige Texte von marxistischen und anarchistischen Autoren, die sich mit Antisemitismus auseinandersetzen.

Friedrich Engels Über den Antisemitismus (1890)

Bernard Lazare Contre l‘antisemitisme (1896)

Bernard Lazare Antisémitisme et Révolution (1899)

Der anarchistische Schriftsteller Bernard Lazare war -noch vor Émile Zola- der erste Verteidiger von Alfred Dreyfus.

Wladimir Illitsch Lenin Über die Pogromhetze gegen die Juden (1919)

Lenin sprach diese Rede auf Schallplatten, damit sie auch für Analphabeten zugänglich war.

Rudolf Rocker Antisemitismus und Judenpogrome (1923)

Nestor Machno To the Jews of All Countries (1927)

Nestor Machno The Makhovshchina and Anti-Semitism (1927)

Während des Bürgerkriegs in der Ukraine kam es zu zahlreichen Judenpogromen, wo teilweise wohl auch Anhänger der Machnobewegung beteiligt waren, wobei das umstritten ist.
Die obigen Texte vermitteln -meines Erachtens- aber glaubhaft, dass Machno selbst kein Antisemit war und den Antisemitismus in seiner eigenen Bewegung bekämpfte, wofür auch die Freundschaft mit Sholom Schwartzbard spricht.

Josef Stalin Über den Antisemitismus. Antwort auf eine Anfrage der Jüdischen Telegrafenagentur aus Amerika. (1931)

Stalin sollte sich später leider selbst zum Antisemiten entwickeln.

Leo Trotzki Thermidor und Antisemitismus (1937)

Ann Coulter on Jews

Auszug eines Interviews mit der „konservativen Ikone“:

DEUTSCH: Christian — so we should be Christian? It would be better if we were all Christian?

COULTER: Yes.

DEUTSCH: We should all be Christian?

COULTER: Yes. Would you like to come to church with me, Donny?

DEUTSCH: So I should not be a Jew, I should be a Christian, and this would be a better place?

(mehr…)

Gegen die Barbarei der Zivilisation!

In seiner Story Die Dialektik des Antideutschtums beschäftigt sich der Blogger „Grand Hotel Abgrund“ mit dem Widerspruch der Parteinahme vieler Antideutscher für Fortschritt und Zivilisation und deren gleichzeitigen Berufung auf die ‚Dialektik der Aufklärung‘ und die Kritische Theorie.
bigbeatland

Die Bezeichnung des deutschesten aller jemals verübten Verbrechen, der Shoa, als einen Rückfall in die Barbarei vermag diese nicht zu treffen. Der Massenmord war ganz und gar zivilisiert, berief sich noch im Rassenwahn auf die Naturwissenschaften, sowie er sich im Verdammen des „jüdischen Wesens“ noch auf den deutschen Idealismus berufen konnte (Kant: “Vampyre der Gesellschaft”). Die Mittel, die letztlich zu Vernichtung der Juden genutzt wurden, waren nicht zufällig industrielle, eben zivilisierte.

“Barbarei” beschreibt nicht den Charakter der Shoa. Schließlich war sie gerade der Höhepunkt abendländischer “Zivilisation”, ihre totale Entfaltung, ihr Ziel war nicht die Negation der Zivilisation, sondern sich von ihren negativen Begleiterscheinung zu befreien, die man als “parasitär” abgespalten hatte und in der Figur des Juden konkretisiert, und somit die Rettung dieser Zivilisation. Die deutschen “Landser” zogen nicht mit “Buschtrommeln” in einen Vernichtungskrieg (und auch nicht mit dem Koran!), sie hatten Goethe und Schiller im Tornister. Die SS-Mannschaften spielten bei der Judenselektion klassische Musik vom Grammophon, sie waren keine Barbaren, sie verkörperten das Ideal eines abendländischen Kulturmenschen.

Was soll also das Gerede von der Barbarei? Oder besser: Welche Konsequenzen zieht der gemeine Antideutsche, sich ganz in der Tradition der kritischen Theorie wähnend, aus dieser Charakterisierung der Shoah? Wo die kritische Theorie diesen Begriff noch dialektisch anwandte (nämlich niemals ohne die Zivilisation als das zu benennen, von der diese Barbarei ausging), gereicht sie hier nur noch zum reinen Ressentiment gegen die als barbarisch ausgemachten Araber, Türken, Muslime. Diese planen nämlich in der post-antideutschen Wahnvorstellung gerade kollektiv eine neue Shoa und die Erledigung der Zivilisation gleich mit.

Die Barbarei des NS wird als der Rückfall in vorzivilisierte Zustände gedeutet, als hätte man die Feststellung aus der Dialektik der Aufklärung, dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils erstrahle, einfach vergessen.

Es sind zwei Seiten, die der post-antideutschen Projektion anhaften:
Auf der einen wird das neue Feindbild, „die Araber“, ganz in rassistischer Manier, zu einem unzivilisierten, eben „barbarischen“ Kollektiv stilisiert, gänzlich unberührt von der bürgerlichen Aufklärung. Auf der der anderen Seite, wird in dem der NS eben genau hier eingeordnet wird, der selbige nicht als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, sondern als etwas vollkommen von ihr unberührtes, eben zu einem Rückfall in die Barbarei, die hier so wörtlich genommen wird, wie sie die Griechen meinten, nämlich als Charakterisierung der „kulturlosen“ Völker.
Die logische Konsequenz dieses verkehrten Denkens ist dann auch die, die gezogen wird: Man betreibt keine kritische Theorie der Gesellschaft, sondern eben eine unkritische, die sich unbedacht auf die bürgerliche Aufklärung als zu verwirklichendes Projekt bezieht und so die reine Apologetik des Bestehenden betreibt, denn die Erde ist bereits „vollends aufgeklärt“. Was man eben als barbarisch und zurückgeblieben identifiziert ist nichts anderes als ein Produkt der Zivilisation. Die ihr innewohnende Tendenz zur Barbarei wird als ein ihr fremdes abgespalten. So wird die Apologetik der Zivilisation letztlich zur vollkommenen Identifikation mit der (zivilisierten) Herrschaft. Ihre letzte Konsequenz ist der Ruf nach dem Krieg, der Gewalt:

„Die Zeichen der Ohnmacht, die hastigen unkoordinierten Bewegungen, Angst der Kreatur, Gewimmel, fordern die Mordgier heraus.“
[Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 3, S. 132)]

Denn nichts anderes ist es, was die heutigen Freunde der kapitalistischen Herrschaft umtreibt, der Hass auf das „Gewimmel“ an den unteren Rändern der Gesellschaft, oder in den „unzivilisierten“ Randbezirken der kapitalistischen Welt. Es geht ihnen um die Verteidigung einer Zivilisation, die sich immer wieder selbst an den Rand ihrer Selbstaufhebung treibt. Wer das nicht erkennen will, soll von der Barbarei schweigen.

Von einem ähnlichen Thema handelt das sehr lesenswerte Kapitel Politische Ökonomie der Enthistorisierung: die Mär vom „negativ aufgehobenen“ Kapitalismus in dem Buch Die antideutsche Ideologie von Robert Kurz. Der Text geht vor allem auf Pollocks Ist der Nationalsozialismus eine neue Ordnung? und Horkheimers Die Juden und Europa ein.

Die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees

Das Schlimmste haben wir nicht verhindern können und das, was zum Besten hätte werden können, ist zum Schlechten geworden.
Manès Sperber

Heute vor 55 Jahren am 12. August 1952 wurden 13 Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees der Sowjetunion liquidiert:

Es war eine Farce und kein Prozess, denn das Urteil stand bereits im Vorfeld fest: Nach einer dreimonatigen Gerichtsverhandlung wurden am 12. August 1952 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis 13 Angeklagte jüdischen Glaubens hingerichtet. Der Prozess vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion unter Vorsitz des Generals der Justiz A. Tschepzow begann am 7. Mai 1952 ohne Vertreter der Anklage oder Verteidigung, aber mit 42 Bänden an Untersuchungsakten und endete am 18. Juli 1952. Stalin hatte die Todesurteile zu diesem Zeitpunkt bereits angeordnet. Wozu die ganze Maskerade mit Tausenden von Akten an erfolterten Geständnissen, die die Angeklagten in den letzten Gerichtssitzungen sowieso widerriefen? Im Prozess wurden oft jiddische Gedichte und Texte als Anklagepunkte zitiert. Eigentlich saß die jiddische Sprache und Kultur auf der Anklagebank, ein seltenes Ereignis in der Kultur- und Justizgeschichte

Das Urteil hatte eine lange Vorgeschichte. Am 24. August 1941, zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, fand in Moskau eine Veranstaltung statt, die von der Presse als „Öffentliche Versammlung der Vertreter des jüdischen Volkes“ bezeichnet wurde. An ihr nahmen viele bedeutende Persönlichkeiten der Sowjetunion, wie Ilja Ehrenburg, Sergej Eisenstein und Piotr Kapiza teil.

Sergej Eisenstein

Einige von ihnen richteten einen leidenschaftlichen Appell an die Juden der Welt, der Sowjetunion in ihrem Kampf ums Überleben zu helfen. Der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters in Moskau, Salomon Michoels, sagte: „Brider un schwester, jidn vun der ganzer welt. Uns trennen zwar mächtige Ozeane, aber wir sind vereinigt durch Ozeane von Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne und Brüder, die durch die Faschisten vergossen wurden.“

Dem 1942 konstituierten Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion (JAFK) mit dem Präsidenten Michoels an der Spitze gehörten fast hundert Persönlichkeiten aus der Literatur, Journalistik, Kunst, Theater, Film, Staatsbeamte sowie die Generäle und „Helden der Sowjetunion“ Buber, Milner, Kreiser und Admiral Trainin an. Mehr als eine halbe Million sowjetischer Juden kämpften als Soldaten oder Partisanen für den Sieg über Hitler-Deutschland. Sie erhielten mehr als 160.000 Auszeichnungen; 146 jüdische Soldaten wurden mit der höchsten Tapferkeitsauszeichnung „Held der Sowjetunion“ geehrt, darunter die Nachtbomber-Pilotin Paulina Gelman und der U-Boot-Kommandant Israel Fissanowitsch; beide waren JAFK-Mitglieder.

Das JAFK war nicht nur Zentrum der Kriegspropaganda, sondern auch der jiddischen Kultur und Literatur. Bereits im Juni 1942 wurde das Organ des JAFK, die jiddische Zeitung „Ejnikeit“ – Eintracht, gegründet. Die Presseagentur des Komitees ISPA versandte mehr als 23.000 Artikel, mehrere Buchmanuskripte und mehr als 3000 Fotos an die ausländische Presse, die in 264 Periodika in zwölf Ländern veröffentlicht wurden. Im Verlag des JAFK erschienen 65 Bücher, viele Essays, Dokumentationen und Broschüren.

Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt. In der Presse der besuchten Länder erschienen mehr als 700 Artikel. Als Folge der Reise wurden viele Hilfskomitees für die Sowjetunion gegründet, mit Albert Einstein an der Spitze.

Nach dem siegreichen Ende des Krieges begannen die „schwarzen Jahre“ des sowjetischen Judentums. Die während des Krieges willkommenen nationalen Tendenzen, die sowohl die Juden, als auch andere Nationalitäten zu größeren Leistungen für die Sowjetunion anspornen sollten, wurden auf einmal als chauvinistische Abweichung gebrandmarkt. Die Ermordung des JAFK-Präsidenten Michoels in Minsk am 12. Januar 1948 erfolgte auf persönlichen Befehl Stalins, sorgfältig eingefädelt und als Verkehrsunfall kaschiert. Für den Ermordeten wurde ein Staatsbegräbnis angeordnet. Im November 1948 liquidierte der sowjetische Staatssicherheitsdienst NKWD das gesamte Komitee und konfiszierte das umfangreiche Archiv des JAFK. Bis Ende Januar 1949 waren alle 15 Angeklagten des Prozesses von 1952 inhaftiert.

Die vom „Kongress für jüdische Kultur“ in New York zusammengestellte Liste der in dieser Zeit verschwundenen jüdischen Künstler und Intellektuellen enthält 450 Namen von Schriftstellern, Schauspielern, Musikern, Malern und Bildhauern. Außerdem wurden viele jüdische Partei- und Regierungs-Funktionäre, Wissenschaftler und Industrieangestellte verhaftet, wie auch die gesamte Führung des Jüdischen Autonomen Gebietes in Birobidschan.

Gleichzeitig schloss die Staatsmacht die meisten kulturellen Einrichtungen der Juden, wie Theater, Verlage, Zeitungen, Schulen, Die verhafteten Führer des JAFK wurden unzähligen Vernehmungen und Foltern durch 35 brutale Ermittler unterworfen; sie sollten absurde Verbrechen gestehen, denn die „Organe“ konnten keine dokumentarischen Beweise für die behauptete Spionage oder Verrat vorlegen. Die absurdeste Beschuldigung war, dass das JAFK auf der Krim eine jüdische Republik unter amerikanischem Protektorat gründen wollte.

(Aus: Wie Stalins Judenverfolgungen verheimlicht wurden.)

Die Exekution war die letzte Welle des Antisemitismus in der Sowjetunion unter Josef Stalin (nicht dass dieser nach seinem Tod verschwunden wäre). Begleitet wurde die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees von der Kampagne gegen das Kosmopolitentum und dem Prozess gegen eine „jüdische Ärzteverschwörung“.

Doctor's Plot
Karikatur zur "Ärzteverschwörung" im sowjetischen Magazin
Krokodil von 1953

Auch die Veröffentlichung des Schwarzbuchs über die Vernichtung der sowjetischen Juden wurde von Stalin verhindert.

Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte sich fast niemand mit der Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Erst in den letzten Jahren erschien zwei Bücher, die sich eingehender mit seinem Schicksal auseinandersetzen:

* Stalin und die Juden von Arno Lustiger
* Stalin’s Secret Pogrom von Joshua Rubenstein

Nazionalbolschewismus

„Der Jude im Kommunismus kann allenfalls noch bestehen. Der Jude im national-bolschewistischen Staat ist ein Unsinn.“
Joseph Goebbels

Nationalbolschewismus ist ein Oberbegriff für verschiedene „nationalrevolutionäre“ Strömungen in der Weimarer Republik, die sich gegen den Versailler Vertrag aussprachen und auf ein militärisches Bündnis mit der Sowjetunion gegen die Westmächte hofften.

Querfront

Die Bezeichnung geht auf Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg zurück. Ihre politische Fraktion wurde auch als Hamburger Nationalbolschewismus bekannt (Hintergrund dazu Teil 1, Teil 2). Die beiden gehörten zunächst der KPD an, bei der Spaltung der KPD 1919 schlossen sie sich der eher rätekommunistisch orientierten KAPD an, aus der sie 1920 wieder ausgeschlossen wurden (weil die Rest-KAPD den nationalistischen Kurs nicht mittragen wollte).
Ein weiterer Protagonist des Nationalbolschewismus war Ernst Niekisch, der schon an der Münchener Räterepublik beteiligt war und später DDR-Politiker wurde.
Zum Thema „Nationalbolschewismus“ gibt es einige Bücher, darunter: Linke Leute von rechts, Die nationalrevolutionäre Minderheiten und Kommu­nismus in der Weimarer Republik von Otto-Ernst Schüddekopf, Stuttgart 1960 und Nationalbolschewismus und nationalrevolutionäre Bewegung in Deutschland. von Karl Otto Paetel, Göttingen 1965. Beide Werke gehen ziemlich unkritisch, bzw. affirmativ mit ihrem Gegenstand um, denn der Ernst-Jünger-Freund-Paetel ist selbst Nationalbolschewist. Nichtsdestotrotz vermitteln die Bücher ein deskriptives Wissen. Erwähnt wird dort auch die Querfrontstrategie von Teilen der KPD in der Weimarer Republik. Um nur einige Beispiele zu nennen, die Schlageterrede Karl Radeks, der Übertritt von Scheringer und anderen Nazis zur KPD oder die Programmerklärung der KPD zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes von 1930. Die zeitgenössische Kritik am Nationalbolschewismus (von kommunistischer Seite) kommt in den beiden Büchern nur am Rande vor. Die KAPD wollte Mitglied der 3. Internationale werden, von der Komintern wurde aber der Auschluss der Nationalkommunisten gefordert. In seiner Schrift „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ kritisiert Lenin auch Wolffheim und Laufenberg. Die rätekommunistische Strömung hatte aber auch unabhängig von der Komintern ein schwieriges Verhältnis zu den Nationalbolschewisten. So schrieb der niederländische Rätekommunist Anton Pannekoek über die KAPD:

„Mir erscheint, ihre Kritik des Nationalbolschewismus nicht nur sehr richtig sondern noch viel zu sanft. Sieunterschätzen das Übel das er anrichtet, da er prinzipiell die Grundgedanken des Kommunismus untergräbt,und sie werden m.E. nicht mit Laufenberg und Wolffheim zusammenbleiben können. Soll die KAPD zu einerführenden, richtungsgebenden Macht werden, die den revolutionären Massen in Deutschland eine festeKlarheit gibt, dann ist ein klarer Standpunkt gerade in der nationalen Frage absolut notwendig; und diesenmuß die Partei auf dem nächsten Kongreß festlegen.“
(Brief Pannekoeks in KAZ Nr. 112, 1920).

Aber auch innerhalb der KPD gab es zum Teil sehr heftige Kritiken an nationalistischen Strömungen und am offiziellen Querfrontkurs. Der radikale Pazifist Kurt Hiller bemängelte an das ZK der KPD:

„Ihr habt gehandelt, als hättet Ihr Nazi-Agenten in eurem Zentralkomitee, sehr gerissene, auf die Ihr hineingefallen seid. Dieses ZK ist z.K.“

Es gab zur gleichen Zeit aber auch Marxisten, die dem Nationalismus feindlich gesinnt waren, so schrieb Hans Litten, der in keiner Partei organisiert war, 1924 in der Zeitschrift des deutsch-jüdischen Wanderbunds:

„Der Götze von dem ich sprechen will, hat viele Namen. ,Vaterland‘, ,Staat‘, ,Volk‘, ,Nation‘ – unter diesen Namen betet man ihn an … Der Nationalwahnsinn beschränkt sich nicht mehr auf die Parteien, die das Vaterland auf ihr Reklameschild geschrieben haben – auch die ,Sozial‘demokratie ist davon erfasst, ja, bis weit in die Reihen der Kommunisten treibt er sein Unwesen. Wir dürfen da nicht mittun. … Einen Staat muss es bis auf weiteres geben. Wir benutzen ihn – dieser Gedanke stammt von Kurt Hiller – wie wir die Untergrundbahn benutzen. Keinem Menschen wird das Herz höher schlagen, wenn er an die Untergrundbahn denkt.“

Auch Erich Mühsam, der sich in jungen Jahren noch für den Ersten Weltkrieg ausgesprochen hatte zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges erst einmal nationalistische Gefühle herunterschlucken musste, machte in der Zeit des Schlageterkurses folgenden Tagebucheintrag:

„Es werden sich ja wohl in der „Roten Fahne“ entsprechende Kommentare noch einfinden, und dann muß sich zeigen, ob man endlich bereit ist,… die Bekämpfung des Faszismus international mit allen wirklichen Revolutionären zusammen zu betreiben, oder ob die Tatsache, daß die „Rote Fahne“ jetzt Radek und Reventlow schon gemeinsam zum Wort zuläßt und einen Nationalbolschewismus in Deutschland großzüchtet, an dem nur noch der Bolschewismus zweifelhaft ist.“

Das Phänomen des Nationalen Bolschewismus blieb nicht auf Deutschland beschränkt.
Aktuell gibt es die Nationalbolschewistische Partei Russlands um Alexander Dugin.

Auch in Japan gab es eine dem Nationalbolschewismus ähnliche Bewegung. In den 30er Jahren sammelte sich eine Strömung um Kita Ikki, die sich sowohl auf Hitler, als auch auf Lenin bezog und einen korporatistischen Staat anstrebte. Am 26 Februar 1936 fand unter Berufung auf dessen Ideen ein Putsch von Offizieren gegen den göttlichen Kaiser statt. Der Putsch schlug fehl, Kita Ikki und andere wurde hingerichtet. Hier werden Parallelen zum „Röhm-Putsch“ in Deutschland deutlich, mit dem Unterschied, dass es sich hier um einen wirklichen Putschversuch handelte. Ähnlich wie in Deutschland, wo „auf den zu konkreten und plebejischen „Antikapitalismus“ der SA 1934 verzichtet wurde“ (Moishe Postone), schaffte sich das Regime nur einen unliebsamen Konkurrenten vom Hals. Neben Röhm gehörte auch Gregor Strasser zum „linken Flügel“ der NSDAP, er interessierte sich besonders für die „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ der KPD.

P.S. Dies ist ein älterer Text von mir, den ich in meinem neuen Blog recycle.
Weitere Artikel werden folgen…

„Weltverschwörung“ gegen die Zivilisation: die Wahnwelt Justus Wertmüllers

„Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“
(Sigmund Freud 1929/1930 Das Unbehagen in der Kultur)

Wenn es auch ziemlich ekelhaft und unverständlich war, dass sich die Zeitschrift Bahamas trotz (oder wegen?) ihrer wiederholt rassistischen Ausfälle einer gewissen Popularität erfreute, wenngleich die „in vielen Tausenden zu zählenden Abonnenten“ von Wertmüller herbeiphantasiert sind, so kann sich nach den jüngsten Wahnbildern, die dieser in einem Radiointerview ausgebreitet hat, kein Mensch, der auch nur einen Funken Verstand besitzt, noch ernsthaft als „antideutsch“ bezeichnen. Und einen Funken Verstand würde ich sogar Jungantideutschen wie Johnny Mutante oder Antifamané zugestehen. Höchste Zeit also sich nicht nur von den dümmsten Entgleisungen der Antideutschen zu distanzieren, sondern gleich deren gesamte „Theorie“ über Bord zu werfen.

Kommen wir zum eingangs erwähnten Interview, von dem ich unten einen Teil transkribiert habe. Nachdem Wertmüller anfänglich nur Dummheiten von sich gibt und etwa behauptet, die radikale Linke hätte einen „erheblichen Avantgardeeinfluss auf die Geschehnisse in der Republik“ möchte er am Ende des Interviews seine Welterklärung ausbreiten, wobei ihm jedoch sein eigenes Unbewusstes in die Quere kommt, das sich mit aller Gewalt Bahn bricht. Wie der Antisemit, der im tiefsten Innern weiß, dass er die Juden hasst, es nur nicht laut sagen möchte, ruft es „Verschwörung!“ aus Justus hinaus. Sofort möchte er es relativieren und zurücknehmen, aber zu spät:

(…) der Kampf gegen die Antisemitische Internationale, wie wir das nennen, die wie gesagt, von der Sozialdemokratie, jetzt aber wirklich weit über Deutschland hinaus, sondern ganz Old Europe greift, inbegreift, von der Sozialdemokratie über die Grünalternativen bis zu den Linksradikalen einerseits und die jeweiligen Bewegungen der autochthonen Völker, lass es Community-Vertreter sein sollten oder irgendwelche quasi-faschistische Regime, die jetzt hofiert werden, wie das Venezuela eines Hugo Chávez, der gerade die einzigen freien Radiosender abgeschafft hat, um also gegen diese Verschwörung…
Nein, Verschwörung ist das falsche Wort, ich nehme es zurück, um gegen dieses informelle Bündnis, das sich wahrscheinlich am schönsten in Form der Vereinigten Nationen, UN, auszeichnet, wo es eigentlich darum geht in erster Linie sich zusammen zu tun mit den schlimmsten Terrorregimen, Iran angefangen, von den großen Brüdern, China und Russland gefeatured, zunächst mal rhetorisch aber zunehmend praktisch einen Weltkrieg gegen die Zivilisation an zu anzetteln, an dessen vorderster Front erstmal der politische Islam marschiert…

Im Kampf für die westliche Zivilisation gegen die „Weltverschwörung“, bestehend aus Sozialdemokraten, „Islamverstehern“, Neo-Nazis, Grünen, Kofi Annan, Jürgen Habermas, Osama Bin Laden, Joschka Fischer, Robert Kurz, Hugo Chávez, Wursthaarträgern, der UN, „autochthonen Völkern“, androgynen Antifas, Ahmadinedschad und vielen anderen, fordert Wertmüller Opferbereitschaft ein und ist todesmutig bereit, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen:

(…)ich lebe wie jeder vernünftige Mensch auch lieber ohne Angst vor Terroranschlägen. Aber bevor ich mich von Nazis – seien sie nun deutsch und braun oder islamistisch und grün – nötigen lasse, jüdische, amerikanische oder religionskritische Menschen ihrem mörderischen Zugriff auszuliefern, wage ich lieber etwas. Die Verteidigung der westlichen Zivilisation – und die gibt es nur an der Seite Israels – vor solchen Zumutungen, wäre es mir schon wert, mit einem mulmigen Gefühl in die U-Bahn einzusteigen.“
(Aus einer Rede in Frankfurt).

Am 6.6.2007 um 19:00 Uhr tritt Justus Wertmüller im Berliner Kabarett Max und Moritz (Oranienstraße 162) auf.

Adorno zur Logik des Antisemitismus

Ein besonders hintersinniges Argument ist: »Man darf ja gegen Juden heute nichts sagen.« Es wird sozusagen gerade aus dem öffentlichen Tabu über dem Antisemitismus ein Argument für den Antisemitismus gemacht: wenn man nichts gegen die Juden sagen darf, dann – so läuft die assoziative Logik weiter – sei an dem, was man gegen sie sagen könnte, auch schon etwas daran. Wirksam ist hier ein Projektionsmechanismus: daß die, welche die Verfolger waren und es potentiell heute noch sind, sich aufspielen, als wären sie die Verfolgten. Dem kann man nur dann begegnen, wenn man nicht etwa idealisiert, wenn man nicht etwa Lobreden auf große jüdische Männer hält oder hübsche Bilder von israelischen Bewässerungsanlagen oder Kibbuz-Kindern dort vorführt, sondern eben die jüdischen Züge, auf welche die Antisemiten deuten, erklärt, ihr Recht und ihren Wahrheitsgehalt darstellt. Überhaupt ist es viel besser, als die Juden zu verharmlosen und sie als eine Art von Lämmerchen oder Sonnenjünglingen vor Augen zu stellen, zu sagen, daß sie eine große, stürmische und wilde Geschichte hatten, in der es genausoviel Furchtbares gibt wie in der Geschichte anderer Völker auch. Abstoßend wäre ein sentimentales Reklamebild.

[Band 20: Vermischte Schriften I/II: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 17630
(vgl. GS 20.1, S. 368-369)]

Israelische Superhelden

The Golem and Lilith [Videoclip (Untertitel aktivieren)] ist ein neuer israelischer Comic, der sehr ironisch den Nahostkonflikt behandelt. Sowohl Lilith, die als erste Frau Adams gilt, als auch der Golem sind Figuren aus der jüdischen Mythologie. Eine alte Legende besagt, dass Rabbi Löw in Prag den Golem aus Lehm formte (sowie Gott Adam aus Lehm erschuf) und ihn da dadurch erweckte, indem er ihm ein Stück Papier mit dem geheimen Namen Gottes unter die Zunge legte (oder um die Stirn band). Nach der Legende geriet der Golem ausser Kontrolle und wandte sich gegen seinen Meister. Als der Rabbi schliesslich das Stück Papier entfernte, zerfiel der Golem zu einem Haufen Ton.
Die Sage des Golem wurde in zahlreichen Bereichen der Populärkultur aufgegriffen. Man denke nur an den Stummfilm Der Golem, wie er in die Welt kam von 1920. Nicht zuletzt hat die Legende vom Golem den Roman Frankenstein, sowie zahlreiche Sciencefiction-Erzählungen geprägt.
The Golem ist allerdings nicht der erste israelische Superheld. Der Superheld der letzten Generation hiess Sabraman.