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Ethnisierung des Sexismus

Als Ergänzung zu Schattenkontrastierens Bericht über den Anti-muslimischen Geschlechterdiskurs poste ich einige Auszüge aus einem Aufsatz von Margarete Jäger namens Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Der Artikel wurde schon 1996 unter dem Titel „irgendwie steckt das doch in ihm, daß er… anders ist wie en deutscher Mann“ veröffentlicht und ist wohl heute weitaus aktueller als damals:

Untersuchungen zum Einwanderungsdiskurs in Deutschland haben sich immer wieder mit einer Argumentationsfigur auseinanderzusetzen, die ich im folgenden als Ethnisierung von Sexismus bezeichne. Sie zeigt eine Diskursverschränkung an, die ganz besondere Wirkungen entfaltet. Kaum jemanden ist wohl die Auffassung noch nicht begegnet, daß türkische oder moslemische Männer besonders sexistisch seien, daß sie Frauen in besonderer Weise unterdrückten. Dieses Argument dient dann häufig als Begründung dafür, daß ein Zusammenleben mit Türken oder Moslems für ‚uns’ nur schwer oder gar nicht möglich ist. Sehr häufig wird dieser ethnisierte Sexismus auch mit dem Islam in Verbindung gebracht, wenn etwa angenommen wird, der Koran schreibe Männern die Herrschaft über Frauen geradezu vor.
(…)

Bei einer ‚statischen’ Ethnisierung von Sexismus wird das Geschlechterverhältnis zu einem Merkmal von Rassenkonstruktion. Sexismus wird z.B. als eine natürliche Eigenschaft von Moslems definiert. Diese Form von Ethnisierung von Sexismus verweist auf einen ihr zugrundeliegenden Rassismus, und sie muß als eine Ausdrucksform von Rassismus begriffen werden.
(…)

Dies wird in einem zugrunde liegenden Interview mit „Florian“ deutlich:

Florian nimmt hier zwar keine biologische Naturalisierung in dem Sinne vor, daß er unterstellt, moslemische Männer seien von Natur aus dominant. Vielmehr betrachtet er die moslemische Erziehung als so prägend, daß eine Veränderung des Einzelnen ihm danach nicht mehr möglich erscheint. Auf diese Weise konstruiert er Sexismus zu einem Charakteristikum des moslemischen Mannes. Die Erziehung kann in diesem Sinne als eine zweite Natur angesehen werden. Entscheidend ist dabei, daß die Vorherrschaft des Mannes als ein Bestandteil islamischer Religion unterstellt wird. Florian argumentiert hier also kulturrassistisch.

Zu Intersexualität

Da ein Kommentar in der Diskussion bei Dorfdisco nicht angezeigt wird, poste ich ihn hier:

@ Helden Karl

Wie gesagt ging es doch um den Nachweis eines dritten oder was weiss ich was Geschlechtes. Du sagst oben z.B. dass die Medizin das sich so halt “einteilt”, und dass sie keine neutrale Wissenschaft ist. Dem könnte ich alles zu stimmen, aber in der konkreten Diskussion hlift mir das eben nicht, weil ein konkreter Nachweis fehlt.

Du hattest doch behauptet, es gäbe nur männlich und weiblich und nur XX und XY, was widerlegt wurde. Auch die Medizin kennt Menschen „mit voll ausgebildeten männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen (hermaphroditismus verus) d. h. körperlich nicht eher zum einen oder anderen Geschlecht ausgebildet“. Auch in den anderen Fällen von „Intersexualität“ greift die Medizin noch operativ, mit Hormonen usw. ein, damit es eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht gibt.
Wieviele konkrete Nachweise willst du denn noch?

Es daher auch blöd wenn du schreibst: “Die Aufteilung ist so eben nicht gültig, von der Kritik an dieser Sortierung einmal abgesehen.” Wenn es tatsächlich eine Sortierung nach einem Interesse ist, dann muss man das nachweisen, und das wäre zunächst mal schlicht ein anderes THema.

Wenn man 46XX, 46XY, 47XXY und 45X hat (es gibt noch mehr), dann könnte man auch von vier verschiedenen Geschlechtern sprechen, es liegt nicht auf der Hand von zwei zu sprechen. Die Benennung und Kategorisierung ist nun mal Konvention, könnte aber auch anders aussehen.

Und hier ist noch der Zweck für die Sortierung:


Dabei hatte John Money, der Begründer dieser Zwangszuweisungen, in seiner Dissertation nachweisen können, dass unverstümmelte Hermaphroditen keine pathologischen Persönlichkeiten entwickelten, sondern sich zu starken Charakteren ausformten. Doch er ließ seine Doktorarbeit in einem Universitätsarchiv vermodern und entschied sich für den profitableren Weg, Hermaphroditen zu operieren.

Aus: Fürsorgliche Belagerung

Die These vom Urmatriarchat

Genese und Aktualität des Patriarchats heißt ein Artikel aus dem Cee-Ieh, der Sexus und Geist von Christoph Türcke referiert.
Der Text erscheint sehr fraglich. Zunächst wird in einem Stufenmodell eine evolutionistische Abfolge vom Matriarchat in der „Urgesellschaft“ zum späteren Patriarchat behauptet (das Patriarchat soll höher entwickelt sein). Die Existenz eines Matriarchats wird durch archäologische Funde „bewiesen“:

Dass es das Matriarchat gegeben hat, beweisen die vielerorts gefundenen Venusstatuetten. Diese und von griechischen Dichtern überlieferte Mythen lassen darauf schließen, dass in der Frau Heiliges verehrt wurde. Insbesondere die weiblichen Geschlechtsmerkmale sind in den Statuetten äußerst voluminös dargestellt – das soziale ist vermittels des biologischen Geschlechts modelliert, ist jenem entrückt aber doch verbunden. So war die Frau als Gebärende des menschlichen Lebens der Inbegriff des Lebens und der Mittelpunkt des Kults. Schon aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung einer „Mutter Erde“, aus der das Leben hervorgeht und in die es wieder zurückkehrt.

Das ist durch und durch spekulativ. Einige wenige Überbleibsel der materiellen Kultur von vor tausenden Jahren werden positivistisch zu Beweisen. Die Venusstatuen, müssen gar keine „Göttinnen“ sein, ja sie könnten sogar etwas ganz Profanes sein. Wenn weibliche Gottheiten verehrt werden, dann sagt das über die Stellung von Frauen in einer Gesellschaft (bzw. Gemeinschaft) überhaupt nichts aus. Es gab historisch schon einige Beispiele von weiblichen Herrscherinnen über riesige Staaten, was aber in keinem Widerspruch zu einer gesamtgesellschaftlichen Unterdrückung der Frau stand.

Eine Matriarchatstheorie (wie sie z.B. noch bei Erich Fromm zu finden ist) kam durch Friedrich Engels‘ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in den Marxismus. Dieses Buch wurde wiederum von Lewis Henry Morgans „Die Urgesellschaft“ inspiriert. Morgan hatte eine Feldforschung bei den Iroquois, einer matrilinearen Gesellschaft (in der die Frauen das Land besitzen und nur sie es vererben können), gemacht. Da er die Einflusssphäre von Männern (die alle polischen Entscheidungen fällen konnten) aber nicht wahrnahm, kam er zu der Fehlinterpretation eines Matriarchats. Und da er die Iroquois für eine archaische Vorstufe der heutigen Gesellschaft hielt, stellte er die Theorie eines Matriarchats in der Urgesellschaft auf.

Selbstverständlich hätte es auch eine Herrschaft von Frauen über Männer geben können bzw. es könnte sie auch jetzt geben. Morgans‘ Schluss ist einfach nur falsch und Aussagen über Herrschaftsverhältnisse der „Urgesellschaft“ haben einen höchst spekulativen Charakter.

Der Text über Türcke spricht von der Aktualität des Patriarchats. Eine traditionelle Herrschaft (im Sinne Max Webers) von einigen wenigen alten Männern scheint aber kaum auf die moderne Gesellschaft zuzutreffen. Ein Patriarchat in diesem Sinne kann die Komplexität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht erfassen. In findet sich ein Artikel names „Wer uns beherrscht, was uns formt“, der in dieser Hinsicht weit erhellender ist (sicher nicht völlig erschöpfend). Statt einem Patriarchat wird von einer heterosexuellen bzw. heterosexistischen Matrix ausgegangen. Jedes Subjekt muss sich in dieser Matrix der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit einordnen, wobei Männer tendenziell privilegiert sind. Dabei sind aber auch Frauen Trägerinnen des gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses und keineswegs nur handlungsunfähige Opfer.

Nachtrag zu pakistanischen Hijras

Als Nachtrag zur Story Taliban gegen Hijras:

Weibliche Seele, männlicher Leib: Hijras – das selbstbewusste «dritte Geschlecht»

ein Artikel über Hijras, von denen die meisten keine Muslime sind und die in ihrer großen Mehrheit in Indien leben. Der Artikel belegt, dass es ein so genanntes „Drittes Geschlecht“ in Südasien wahrscheinlich schon seit dem ersten Jahrtausend vor Christus gibt, lange Zeit also vor der Islamisierung der Region.

Hier findet sich noch eine Bildstrecke zu Pakistan.

Taliban gegen Hijras

In ihrer Rezension des Buches „Allah & Eva. Der Islam und die Frauen“ erwähnt Necla Kelek, Lieblingskronzeugin verschiedener rechtskonservativer und rechtsradikaler „Islamkritiker“, auch pakistanische Hijras, die sie eine „besonders bizarre Bigotterie“ nennt. Was diese mit „dem Islam“ zu tun haben sollen, verrät sie nicht.

Hijras at muslim shrine
Drei pakistanische Hijras an einem muslimischen Schrein

Auch die internationalen Medien berichteten im April diese Jahres über muslimische Hijras in Pakistan.
Als einige Hijras auf dem Weg in das Dorf Dhoda waren, um dort bei einer Hochzeit aufzutreten, wurden sie von Taliban überfallen, die ihre Musikinstrumente zerbrachen und ihre Köpfe kahlrasierten. Daraufhin entschlossen sich die Dorfbewohner dazu, Rache zu nehmen und griffen die Taliban an, was sich zu einem mehrstündigen Gefecht entwickelte.

Siehe auch: Militants beat up dancers

Pakistan: Taliban threaten Lakhtai boys and „eunuch“ dancers

Auch hier zeigt sich im übrigen, dass es sich bei Islamisten keineswegs um "vormoderne Barbaren" handelt, sondern durchaus um Anhänger einer anti-traditionellen Erneuerungsbewegung, die selbstverständlich durch und durch reaktionär ist.