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»Deutsche Stereotype«

In Ergänzung zu meinem letzten Beitrag poste ich einige Auszüge aus einem älteren Artikel der Jungle World:

»Deutsche Stereotype«
Zu Justus Wertmüllers Beitrag »Die westlichen Verteidiger und ihre Werte«.


Von Gaston Kirsche und Udo Wolter

(…)
Durch ihre nach einer schwarzweißen „Hauptwiderspruch“-Logik verkürzte Nationalismuskritik gerieten insbesondere die bahamas seit dem Kosovo-Krieg in bedenkliche Nähe zu dem von ihnen sonst zu Recht heftig kritisierten traditionslinken bzw. antiimperialistischen Lager. Die Vorwürfe, daß jede linke Kritik am serbischen Nationalismus „Anstiftung zur Passivität“ und „Kapitulationismus“ sei, weisen eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit dem auf, was sich die Autoren dieses Artikels ständig von der Kurdistan-Soliszene anhören müssen, wenn sie deren Blindheit gegenüber den völkischen und antisemitischen Elementen des kurdischen Nationalismus der PKK kritisieren.

Tatsächlich bekannte sich Justus Wertmüller während des Kosovo-Krieges zu einem Moment der Versuchung, „nostalgisch auf die junge Welt zu rekurrieren“ (bahamas, Nr. 29/99). Kriegskommentator dieses Blattes war eben jener Werner Pirker, der jüngst in seinem Nachruf auf Ignatz Bubis dessen Zustimmung zum Krieg mit der naheliegenden Tatsache in Zusammenhang zu bringen wußte, daß „es in Belgrad noch immer keine Börse gibt“.

Es geht keineswegs um das Setzen von Duftmarken antirassistischer Political Correctness in „gesinnungstüchtigen Kreisen“ (Justus Wertmüller), wenn zurückgewiesen wird, daß die berechtigte Kritik des völkischen Nationalismus der UCK auch bei einigen bahamas-Autoren wie Thomas Becker mit rassistischen Stereotypen vermengt wird.

Besondere Qualität gewinnen solche Stereotype vor dem Hintergrund, daß Otto Schily inzwischen nicht nur die paar Tausend seit dem Kosovo-Krieg nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge, sondern bei dieser Gelegenheit am liebsten gleich die schon seit Jahrzehnten hier lebende Mehrheit der MigrantInnen aus dem Kosovo durch „Rückführung“ in ihre „angestammte Heimat“ aus der deutschen Standortgemeinschaft entfernen will.

Becker entdeckte erst pauschalisierend von der UCK eingeschleuste „vermeintliche Flüchtlinge“ (bahamas, Nr. 26/99) und ihre mafiosen Machenschaften in Deutschland und landete schließlich bei der Verwendung biologistisch-sexistischer Metaphern über die vom „Mannestrieb“ beherrschten UCK-Kämpfer, deren „Anblick (…) bei albanischen Mädchen weiche Knie verursachen“ würde (bahamas, Nr. 29/99). Nicht die Spur einer Reflexion der Tatsache, daß auch der rassistische Mainstream-Diskurs über „die Kosovaren“ geschlechtsspezifisch verläuft: Männlichen Dealern, Hütchenspielern, Mafiosi oder völkisch essentialisierten UCK-Kämpfern steht die Stilisierung des „unterdrückten Volkes“ zum bloßen Opfer durch Bilder vorwiegend weiblicher Flüchtlinge in den Lagern an den Grenzen des Kosovo gegenüber.
(…)

Guter und schlechter Nationalismus

Eine kulturalistische Dichotomie zwischen Zivilisation und Barbarei existiert in Teilen der Antideutschen nicht erst seit 9/11. Schon während des Kosovokrieges beschrieb man beispielsweise KosovoalbanerInnen als „barbarisch“ und in „mafiösen Banden“ organisiert. Jürgen Elsässer, der frühere Bahamasautor und heutige Querfrontstratege, war damals noch einer der populärsten antideutschen Auoren und trat dafür ein, bei Konflikten mit Separationsbestrebungen (Kurden vs. Türken, Russen vs. Tschetschenen) sich auf die Seite des bekämpften Staates zu stellen. Die jeweilige Nation sei immer dem sie bekämpfenden „Volk“ vorzuziehen. So als ob die Nation das geringere Übel sei, „republikanisch-zivilisiert“, und nicht „völkisch-barbarisch“. Dabei wurde aber vergessen, dass solche Nationen sich selbst auch ethnisch definieren. Das den Staat dominierende „Mehrheitsvolk“ identifiziert sich mit der Nation, während sich das „Minderheitsvolk“ auf die „Ethnie“ beruft. Über diese und andere Positionen fand 1999/2000 eine Diskussion statt, die vor allem in Jungle World ausgetragen wurde. Einige Beispiele:

Helden oder Barbaren?
Der Streit um nationale Befreiungsbewegungen und nationalistische Kriegsgegner verkommt zum Stellungskrieg der Linken

Skipetaren und Barbaren
Über einen zunehmend ressentimentgeladenen Ton im antideutschen Feuilleton

Kein Aufstand beim Stamm der Antideutschen.