Archiv der Kategorie 'Kulturalismus'

Der Determinismus durch die „Kultur“

Zum ersten Mal auf diesem Blog wird hier der Gastbeitrag eines weiteren Autors online gestellt. Thema ist die Rolle von „Kultur“ und Religion in aktuellen rassistischen Debatten im Zusammenhang mit Sarrazins Aussagen:

Was erklärt eigentlich der Verweis auf „Kultur“ und „Religion“? In den meisten Fällen, dass man „fremd“ ist und eine problematische „Abweichung“ darstellt, die nicht dazugehört. Begriffe wie „Kultur“ und „Religion“ sind lediglich Schlagworte, deren Inhalt ungenau bleibt, als ob damit schon ein Problem erfasst wäre. Die Mehrheit bestimmt, was die „Wahrheit“ ist, während die „Anderen“ selten eine „Stimme“ besitzen. Dabei ist auch eine Mehrheit subjektiv und hat nicht automatisch Recht (so wie dies am Beispiel der NS-Zeit klar wird).

„Rasse“ ist eine soziokulturelle Erfindung, die im Alltag hergestellt und legitimiert wird. So ging die Konstruktion einer (jüdischen) „Rasse“ bis zum Ende der NS-Zeit (vorrangig auf „naturwissenschaftlicher“ Grundlage) einher mit biologistischen Argumentationen auf breiter gesellschaftlicher Basis. „Rasse“ wurde aber immer schon – auch damals – sozial und diskursiv hergestellt (bspw. ebenso mit Hilfe der Geisteswissenschaften, Bildungsinstitutionen oder der Massenmedien). Die Argumentationen wie Problematisierungen der „Anderen“ waren damals schon ebenso kulturalistisch, und es sind, trotz der Brüche, auch heute noch ideologische Kontinuitäten erkennbar. Es gibt auch heute nicht „den“ Rassismus, sondern verschiedene „Rassismen“ und rassistische Effekte, die z.B. in vielfältige Ausschlüsse münden.

Die Debatten der letzten Tage sind gekennzeichnet von der Auffassung, dass wenn man nicht biologisch durch „die Gene“ determiniert ist, dann wohl durch „die“ „Kultur“ oder „Religion“! Während die einen per Geburt als „normale“, „aufgeklärte“ „Individuen“ erscheinen und durchgängig positiv besetzt werden, erscheinen die „Anderen“ als Repräsentant_innen eines starren, „homogenen“, abweichenden und essentiell „defizitären“ Kollektivs. Was macht die „Kultur“ oder „Religion“ eigentlich strukturell anders? Diese Frage wird für gewöhnlich stereotyp und oberflächlich beantwortet.

Es reicht z.B. aus, dass einzelne Menschen aus dem vermeintlichen „Kollektiv“ negativ auffallen, so dass sich jede_r Einzelne dafür verantworten muss – jeden Tag aufs Neue. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen sich in ihre Schutzräume zurückziehen oder Medien nutzen, in denen sie nicht permanent „entfremdet“ und diffamiert werden.

Die spezifischen strukturellen Ursachen in den Lebenswelten werden nicht genügend betrachtet, sondern die Problematik weitgehend der „Andersartigkeit“ der „Anderen“ wie „Muslim_innen“, „Türk_innen“ usw., ihren „Parallelgesellschaften“, „-welten“ oder „-dimensionen“ überantwortet (was übrigens nach dem Grad der behaupteten Segregation jeweils aufs Gleiche hinausliefe).

Die Menschen mit „Migrationshintergrund“ in den „Problembezirken“ haben z.B. zudem auch kaum (ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches) Kapital zum Wegziehen oder für „bessere“ Schulen, kriegen schlechter Wohnungen und Jobs und sind auch weniger willkommen in Gegenden, wo sie z.B. nicht ins „deutsche“ Bild passen.

Die isolierte Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von den allgemeinen sozialen Bedingungen macht keinen Sinn. Eine isolierte Bestandsaufnahme ohne Berücksichtigung rechtlicher, behördlicher, gesellschaftlicher, sozialer und alltäglicher Strukturen ist irreführend. Dabei wird allenfalls die „Schuld“, die „Unfähigkeit“, das „Un-Vermögen“ der „Anderen“ konstatiert, so dass alle sozialen Probleme auf sie projiziert und repressive Maßnahmen ergriffen werden können.

Es gibt am Ende für die Betroffenen nie ein Entkommen aus der Zuweisung auf den sozial vorgesehenen Platz als „Andere“, keine Alternativen, um dem „Stigma“ der „Andersartigkeit“ zu entgehen, mit dem man kollektiv behaftet wird! Es ist ein subjektiv durchfärbtes, ungleiches Kräfteverhältnis, das strukturell, gesamtgesellschaftlich zu ergründen ist. Denn die Menschen leben nicht isoliert für sich, sondern leben im Hier und Jetzt und möchten auch „hier“ ankommen.

(Spike)

Le mauvais sauvage

Exotisten lieben den ‚edlen Wilden.‘

Leser von Politically Incorrect Bonjour Tristesse hassen ‚primitive Barbaren.‘

Dass sie selbst den selben Kulturalismus vertreten, nur unter umgekehrten Vorzeichen, fällt letzteren wohl nicht auf.

Der Multikulturalismus und seine Gegner

Der ebenso symbolische wie todbringende Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Centre in New York hat aus der Sicht der Kritiker den multikulturellen Illusionen ein Ende und den „Kampf der Kulturen“ zur scheinbar unausweichlichen Realität gemacht. Längst begnügen sich die Kritiker, die nun die Begriffe „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“ erfanden, nicht mehr mit hämischen Glossen und rechthaberischen Seitenhieben auf die „multikulturellen Spielwiesen“ des grünalternativen Milieus. Alle Versuche einer pluralistischen Integration vor allem der „Muslime“ seien nach den Anschlägen von Madrid 2003 und London 2005 erkennbar mißlungen, die Idee der multikulturellen Gesellschaft sei auf der ganzen Linie gescheitert, statt dessen seien wir nun allenthalben mit „islamischen Parallelgesellschaften“ konfrontiert, in denen scheinbar andere Regeln des Zusammenlebens gelten – so, oder so ähnlich lauten die neuesten Einsichten in den Zustand der Republik, auf den sich in kurzer Zeit der politische und mediale Konsens eingependelt zu haben scheint. Nun wird ein neues Verständnis, ja ein „neues Regime“ der Integration verlangt, dem sich die de facto Zugewanderten durch obligatorische Sprach und Integrationskurse zu unterwerfen hätten. Vor dem Hintergrund der neoliberalen Ideologie des „fordernden Sozialstaates“ können nun die Erwartungen an die Zuwanderer und ihre Integrationsbereitschaft heraufgesetzt und Sanktionen im Falle der „Integrationsunwilligkeit“ angedroht werden.

Mit etwas Distanz zu den Debatten um die Einwanderung in Deutschland kann man in der Rückschau sehen, daß der „Multikulturalismus“ ,wie in den Ländern, in denen er entstanden ist auch, von verschiedenen politischen Gruppierungen der Mehrheit als ein Medium der Selbstbeschreibung und der Selbstverständigung der alten und neuen Bundesrepublik genutzt worden ist.
(…)
Dabei zeigt sich, daß Opponenten und Proponenten des Multikulturalismus sich nur spiegelverkehrt aus dem gleichen semantischen Repertoire des Nationalismus bedienen.

Aus: Frank-Olaf Radtke Vom Multikulturalismus zur Parallelgesellschaft

„Es gibt in Deutschland keinen Rassismus“

Es gibt Kommentare, die nicht zu Unrecht im Spamfilter landen:

Yo yo yo! ALTA! Yo yo yo!

“Da ersetzt du jetzt Herkunft mit Umfeld.
Warum sollen Türken oder Araber denn gewalttätiger sein als andere?
Zudem ist es völkisch, Leuten, die hier sozialisiert wurden und aufgewachsen sind, zu kulturell Anderen zu machen.”

Natürlich sind die, bist du, seid ihr kulturell andere… ihr redet wie Sonderschüler aus der Behindertenwerkstatt (”Isch, äh, isch…”) , führt euch auf wie absolute Idioten…. was soll der scheiß? Ihr habt bräunliche Haut, spielt eure schwulen Heulschwuchtelklingeltöne in der U-Bahn ab? Dffff…! Ein Witz oder? Rassismus? Es gibt in Deutschland keinen Rassismus. PUNKT. Geh nach Italien, da gibt es Rassismus, da brennen sie Zigeunercamps nieder. Passiert das hier? Nein. “Völkisch”? Pfff. Die einzigen, die hier “völkisch” sind, seid ihr Türken und Araber. Leb damit man, wenn du so voll Hass bist, dann erschieß deine Schwester, aber piss den guten Leuten aus Deutschland nicht ans Bein, du Kanacke!!! Und nein, ihr werdet hier nie akzeptiert werden, live with it!

Ethnisierung des Sexismus

Als Ergänzung zu Schattenkontrastierens Bericht über den Anti-muslimischen Geschlechterdiskurs poste ich einige Auszüge aus einem Aufsatz von Margarete Jäger namens Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Der Artikel wurde schon 1996 unter dem Titel „irgendwie steckt das doch in ihm, daß er… anders ist wie en deutscher Mann“ veröffentlicht und ist wohl heute weitaus aktueller als damals:

Untersuchungen zum Einwanderungsdiskurs in Deutschland haben sich immer wieder mit einer Argumentationsfigur auseinanderzusetzen, die ich im folgenden als Ethnisierung von Sexismus bezeichne. Sie zeigt eine Diskursverschränkung an, die ganz besondere Wirkungen entfaltet. Kaum jemanden ist wohl die Auffassung noch nicht begegnet, daß türkische oder moslemische Männer besonders sexistisch seien, daß sie Frauen in besonderer Weise unterdrückten. Dieses Argument dient dann häufig als Begründung dafür, daß ein Zusammenleben mit Türken oder Moslems für ‚uns’ nur schwer oder gar nicht möglich ist. Sehr häufig wird dieser ethnisierte Sexismus auch mit dem Islam in Verbindung gebracht, wenn etwa angenommen wird, der Koran schreibe Männern die Herrschaft über Frauen geradezu vor.
(…)

Bei einer ‚statischen’ Ethnisierung von Sexismus wird das Geschlechterverhältnis zu einem Merkmal von Rassenkonstruktion. Sexismus wird z.B. als eine natürliche Eigenschaft von Moslems definiert. Diese Form von Ethnisierung von Sexismus verweist auf einen ihr zugrundeliegenden Rassismus, und sie muß als eine Ausdrucksform von Rassismus begriffen werden.
(…)

Dies wird in einem zugrunde liegenden Interview mit „Florian“ deutlich:

Florian nimmt hier zwar keine biologische Naturalisierung in dem Sinne vor, daß er unterstellt, moslemische Männer seien von Natur aus dominant. Vielmehr betrachtet er die moslemische Erziehung als so prägend, daß eine Veränderung des Einzelnen ihm danach nicht mehr möglich erscheint. Auf diese Weise konstruiert er Sexismus zu einem Charakteristikum des moslemischen Mannes. Die Erziehung kann in diesem Sinne als eine zweite Natur angesehen werden. Entscheidend ist dabei, daß die Vorherrschaft des Mannes als ein Bestandteil islamischer Religion unterstellt wird. Florian argumentiert hier also kulturrassistisch.

Ehrenmorde und Scharia?

Im vergangenen Jahr erschien im Conne Island Newsflyer der Text Frauen und die Scharia im Islam. Von den ganzen Falschbehauptungen über den Islam möchte ich einmal absehen und mich stattdessen auf das Schreckgespinst der „Parallelgesellschaften“ konzentrieren.

In Parallelgesellschaften leben Menschen in Gemeinschaften abgekoppelt von ihrer Umgebung und natürlich ohne Bezug zum Rechtssystem des jeweiligen Staates, in dem sie sich befinden. Ob die Menschen in diesen Parallelgesellschaften jenes Rechtssystems ablehnen oder, wie es bei Frauen oft der Fall ist, auf Grund von nicht vorhandenen Sprachkenntnissen oder Angst vor dem Fremden bzw. dem Alleine sein, keinen Zugang zu diesem haben, ist nicht wesentlich. Im Grunde brauchen sie das Rechtssystem nicht. Der Islam hat ein eigenes Gesetz, ja ein Rechtssystem über Staatsgrenzen hinaus.

So die Definition der CEE IEH-AutorInnen. „Parallelgesellschaften“ in Deutschland zeichnen sich angeblich dadurch aus, dass hier nicht die Freiheitlich-Demokratische-Grundordnung gelten würde, sondern die Scharia. Demzufolge müsste die Mehrheit der muslimischen MigrantInnen, oder zu mindest ein bedeutender Anteil, unter dem religiösen Gesetz des Islam leben. Das sieht man zum Beispiel an Stadtvierteln mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Muslimen wie Kreuzberg oder Neukölln. Hier gilt das staatliche Gewaltmonopol nicht, nur mit Vollbart kann man sich überhaupt auf die Strasse trauen, ständig wird Dieben die Hand abgehackt und die ganzen Hartz-4-EmpfängerInnen können ihr Dosenbier nur versteckt konsumieren, da sie ansonsten Gefahr laufen, öffentlich ausgepeitscht zu werden…

Wenn Parallelgesellschaften über die Nichteinhaltung des Deutschen Rechts definiert werden, heißt es dann auch, dass DrogendealerInnen Parallelgesellschaften bilden, da sie sich ständig über das deutsche Recht hinwegsetzen und nach ihren eigenen Regeln leben?

Von den Autoren wird nun auch behauptet, dass „Ehremorde“ Konsequenz dieser Parallelgesellschaften seien, da dort ja die Scharia gelte.

Was haben Ehrenmorde mit der Scharia zu tun?

Die Antwort mag erstaunen, aber sie lautet: Nichts.
Es gibt nämlich keine (mir bekannte) islamische Autorität, die „Ehrenmorde“ legitimieren würde. Im Gegenteil: es gibt etliche Fatwas, die „Ehrenmorde“ -die im Französischen crimes d‘honneur (Verbrechen der Ehre) genannt werden- explizit verbieten. Diese Fatwas wurden gerade auch von islamistischen Autoritäten ausgesprochen. Mit der reaktionären Ideologie des Islamismus stehen „Ehrenmorde“ also nicht im Zusammenhang, auch wenn viele Leute sich das vielleicht so vorstellen mögen.
Morde im Namen der Ehre sind ein Widerspruch zum islamischen Rechtssystem. Die Scharia behandelt sie ganz ähnlich wie Selbstjustiz vom bürgerlichen Staat gehandhabt wird. Es ist also völlig falsch Ehrenmorde darauf zurückzuführen, dass die in Deutschland lebenden Muslime sich nicht an der FDGO, sondern an der Scharia orientieren würden. Hinzu kommt, dass Ehrenmorde in vielen islamischen Ländern, wie z.B. Indonesien oder Somalia gänzlich unbekannt sind.

Wieder mal ein Beleg dafür, dass man unwidersprochen alle möglichen Abstrusitäten über Muslime behaupten kann.

Zu viel Multikulti-Toleranz?

Das Problem bei der ganzen Geschichte ist nicht, dass Ehrenmorde thematisiert werden, sondern wie und in welchem Kontext sie „kritisiert“ werden. In den Medien erschienen die jüngsten als Resultat einer viel zu toleranten Politik der
„Multikultis, die das Land regier(t)en“
. Personen, die „Ehrenmorde“ verurteilten, sahen sich oft als Gegenstimme zum Mainstream und sogar als Rebellen oder Tabubrecher. Nach dem Prinzip „endlich wagt es mal jemand die Muslime zu kritisieren.“ Als ob das ein Tabu wäre und als ob der Islam im öffentlichen Bild nicht sowieso als besonders brutal und gewalttätig erscheinen würde.
Nichts wäre bescheuerter als Zwangsverheiratungen, „Ehrenmorde“ oder Genitalverstümmelungen unter Berufung auf so etwas wie „Kultur“ oder „Tradition“ zu rechtfertigen. Nur, gab es in den öffentlichen Auseinandersetzungen etwa jemanden, der dies getan hätte? Es mag einige wenige Leute geben, die tatsächlich so etwas legitimieren würden, allerdings niemanden, der wirklich ernst genommen werden würde.

In der Tat gibt es Multikulturalismus, der Menschen als Anhängsel ihrer „Kultur“ betrachtet und ihr Verhalten stets aus dieser „Kultur“ ableitet. In der Tat ist dies auch sehr kritikwürdig. Die so genannte „Islamkritik“ verwirft den Kulturalismus aber nicht, sondern teilt seine Grundannahmen. Lediglich die Bewertung stimmt nicht überein.
Auch hier wird sich auf Herkunft, „Kultur“ oder den Islam berufen, wobei dies bei Menschen ohne „Migrationshintergrund“ nie ins Feld geführt werden würde. Wenn ein Deutscher Mann seine Frau schlägt, wird dies ja auch nicht aus seinem „Nationalcharakter“ oder aus der besonders patriarchalischen Religion des Christentums erklärt. Anders bei „Ehrenmorden“, Zwangsverheiratungen oder „Frauenbeschneidung“, allesamt lokale Phänomene, die mit „dem Islam an sich“ nicht viel zu tun haben; sie werden „den Muslimen“ angedichtet, die gar nicht anders handeln könnten, da sie von ihrer „barbarischen Religion“ angetrieben werden würden.
Werden Kulturrelativismus und Multikulturalismus von dieser „Islamkritik“ völlig zu Recht auseinander genommen? Nein, denn genau das passiert eben nicht. Die Kritik ist gar keine, sondern ebenfalls eine Kulturalisierung des Sozialen, bloß unter negativem Vorzeichen. Die „Anderen“ werden nicht mehr für ihre „exotischen Bräuche“ bewundert, sondern für ihre „rückständige und barbarische“ Kultur verachtet. Wenn Antifeministen wie Jean-Marie Le Pen, Jörg Schönbohm oder Justus Wertmüller Frauenrechte in islamischen Ländern einfordern, wenn Leute, die schon mal eine Vergewaltigung als „schlechten Sex“ bezeichnen, sich gegen Zwangsverheiratung und sexuelle Gewalt in „migrantischen Milieus“ aussprechen, oder ausgerechnet die Leute, die zur Verstümmelung von Intersexuellen aufrufen, gegen Female Genital Mutilation wettern, was soll das sein, wenn nicht Kulturrelativismus?

Gegen die Barbarei der Zivilisation!

In seiner Story Die Dialektik des Antideutschtums beschäftigt sich der Blogger „Grand Hotel Abgrund“ mit dem Widerspruch der Parteinahme vieler Antideutscher für Fortschritt und Zivilisation und deren gleichzeitigen Berufung auf die ‚Dialektik der Aufklärung‘ und die Kritische Theorie.
bigbeatland

Die Bezeichnung des deutschesten aller jemals verübten Verbrechen, der Shoa, als einen Rückfall in die Barbarei vermag diese nicht zu treffen. Der Massenmord war ganz und gar zivilisiert, berief sich noch im Rassenwahn auf die Naturwissenschaften, sowie er sich im Verdammen des „jüdischen Wesens“ noch auf den deutschen Idealismus berufen konnte (Kant: “Vampyre der Gesellschaft”). Die Mittel, die letztlich zu Vernichtung der Juden genutzt wurden, waren nicht zufällig industrielle, eben zivilisierte.

“Barbarei” beschreibt nicht den Charakter der Shoa. Schließlich war sie gerade der Höhepunkt abendländischer “Zivilisation”, ihre totale Entfaltung, ihr Ziel war nicht die Negation der Zivilisation, sondern sich von ihren negativen Begleiterscheinung zu befreien, die man als “parasitär” abgespalten hatte und in der Figur des Juden konkretisiert, und somit die Rettung dieser Zivilisation. Die deutschen “Landser” zogen nicht mit “Buschtrommeln” in einen Vernichtungskrieg (und auch nicht mit dem Koran!), sie hatten Goethe und Schiller im Tornister. Die SS-Mannschaften spielten bei der Judenselektion klassische Musik vom Grammophon, sie waren keine Barbaren, sie verkörperten das Ideal eines abendländischen Kulturmenschen.

Was soll also das Gerede von der Barbarei? Oder besser: Welche Konsequenzen zieht der gemeine Antideutsche, sich ganz in der Tradition der kritischen Theorie wähnend, aus dieser Charakterisierung der Shoah? Wo die kritische Theorie diesen Begriff noch dialektisch anwandte (nämlich niemals ohne die Zivilisation als das zu benennen, von der diese Barbarei ausging), gereicht sie hier nur noch zum reinen Ressentiment gegen die als barbarisch ausgemachten Araber, Türken, Muslime. Diese planen nämlich in der post-antideutschen Wahnvorstellung gerade kollektiv eine neue Shoa und die Erledigung der Zivilisation gleich mit.

Die Barbarei des NS wird als der Rückfall in vorzivilisierte Zustände gedeutet, als hätte man die Feststellung aus der Dialektik der Aufklärung, dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils erstrahle, einfach vergessen.

Es sind zwei Seiten, die der post-antideutschen Projektion anhaften:
Auf der einen wird das neue Feindbild, „die Araber“, ganz in rassistischer Manier, zu einem unzivilisierten, eben „barbarischen“ Kollektiv stilisiert, gänzlich unberührt von der bürgerlichen Aufklärung. Auf der der anderen Seite, wird in dem der NS eben genau hier eingeordnet wird, der selbige nicht als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, sondern als etwas vollkommen von ihr unberührtes, eben zu einem Rückfall in die Barbarei, die hier so wörtlich genommen wird, wie sie die Griechen meinten, nämlich als Charakterisierung der „kulturlosen“ Völker.
Die logische Konsequenz dieses verkehrten Denkens ist dann auch die, die gezogen wird: Man betreibt keine kritische Theorie der Gesellschaft, sondern eben eine unkritische, die sich unbedacht auf die bürgerliche Aufklärung als zu verwirklichendes Projekt bezieht und so die reine Apologetik des Bestehenden betreibt, denn die Erde ist bereits „vollends aufgeklärt“. Was man eben als barbarisch und zurückgeblieben identifiziert ist nichts anderes als ein Produkt der Zivilisation. Die ihr innewohnende Tendenz zur Barbarei wird als ein ihr fremdes abgespalten. So wird die Apologetik der Zivilisation letztlich zur vollkommenen Identifikation mit der (zivilisierten) Herrschaft. Ihre letzte Konsequenz ist der Ruf nach dem Krieg, der Gewalt:

„Die Zeichen der Ohnmacht, die hastigen unkoordinierten Bewegungen, Angst der Kreatur, Gewimmel, fordern die Mordgier heraus.“
[Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 3, S. 132)]

Denn nichts anderes ist es, was die heutigen Freunde der kapitalistischen Herrschaft umtreibt, der Hass auf das „Gewimmel“ an den unteren Rändern der Gesellschaft, oder in den „unzivilisierten“ Randbezirken der kapitalistischen Welt. Es geht ihnen um die Verteidigung einer Zivilisation, die sich immer wieder selbst an den Rand ihrer Selbstaufhebung treibt. Wer das nicht erkennen will, soll von der Barbarei schweigen.

Von einem ähnlichen Thema handelt das sehr lesenswerte Kapitel Politische Ökonomie der Enthistorisierung: die Mär vom „negativ aufgehobenen“ Kapitalismus in dem Buch Die antideutsche Ideologie von Robert Kurz. Der Text geht vor allem auf Pollocks Ist der Nationalsozialismus eine neue Ordnung? und Horkheimers Die Juden und Europa ein.

Nachtrag zu pakistanischen Hijras

Als Nachtrag zur Story Taliban gegen Hijras:

Weibliche Seele, männlicher Leib: Hijras – das selbstbewusste «dritte Geschlecht»

ein Artikel über Hijras, von denen die meisten keine Muslime sind und die in ihrer großen Mehrheit in Indien leben. Der Artikel belegt, dass es ein so genanntes „Drittes Geschlecht“ in Südasien wahrscheinlich schon seit dem ersten Jahrtausend vor Christus gibt, lange Zeit also vor der Islamisierung der Region.

Hier findet sich noch eine Bildstrecke zu Pakistan.

300 Antideutsche

Als ich neulich den Film 300 im Kino sah, fragte ich mich, ob wohl Ernst Jüngers In Stahlgewittern die Vorlage von diesem Gebräu aus Rassismus, Dolchstosslegende, Judas-der-Verräter, Homophobie und Eugenik war.

300
"Asiatische Horden"

Ich erinnerte mich aber auch, was ich einmal in einen CEE IEH-Artikel gelesen hatte, dass es nämlich falsch sei:

Griechen, die an den Thermophylen ihre zivilisatorischen Errungenschaften gegen die Perser verteidigten, vorzuwerfen, sie wären Anhänger der Sklavenhaltergesellschaft gewesen.

xerxes
Der effeminierte Orientale

Al Jazeera über die pakistanische Drag Queen Begum Nawazish Ali

Vor kurzem berichtete BBC über die pakistanische Transsexuelle Shumail Raj, die zusammen mit ihrer Frau für drei Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, weil ihre Ehe gleichgeschlechtlich und damit „unislamisch“ sei:

The couple say they are man and wife, but the Lahore high court ruled last month that the husband was, in fact, a woman, despite sex-change surgery.

The case is thought the first of its kind in Pakistan where homosexuality and trans-sexuality are largely taboo.

Hier mag es erstaunen, dass eine der populärsten Talkshows des Landes von der Drag Queen Begum Nawazish Ali moderiert wird, die dort häufig mit Männern flirtet und auch schon Mullahs zu Gast hatte.

Begum Nawazish Ali

Bei Youtube ist eine Sendung des AlJazeera-Frauenprogramms Everywoman abrufbar, bei der Begum Nawazish Ali zu Gast ist :

(Ab Minute 5:40)

Siehe auch:
Mouthy drag diva bending the rules on Pakistan TV

Transvestiten-Talkshow bricht alle Tabus