Archiv der Kategorie 'Marx und Marxismus'

Realsozialismus: Diktatur über die Bedürfnisse

Im Gegensatz zu anderen marxistischen Kritiken des Realsozialismus betrachtet der ungarische Dissident Ferenc Fehér diesen nicht als „degenerierten Arbeiterstaat“ oder gar als „Staatskapitalismus“, sondern als „Diktatur über die Bedürfnisse“:

Um die Struktur der osteuropäischen Gesellschaften als System der Diktatur über die Bedürfnisse zu begreifen, ist es wichtig, sie als antikapitalistische Formationen aufzufassen. Sie sind das Ergebnis antikapitalistischer Revolutionen oder der militärisch-politischen Expansion einstmals siegreicher Revolutionen und stellen eine Antwort auf den Kapitalismus dar, wenn nicht gar eine Herausfordung für ihn.
Daher können sie nicht mit den Kategorien der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften beschrieben werden, sondern müssen als sozialistische Experimente angesehen werden.

Was sind die Merkmale dieser Diktatur?

Die gesamte Gesellschaft ist in ein Konglomerat aus Lohnarbeitern verwandelt worden. Marx hatte vollständig recht, als er formulierte, die Lohnarbeit sei ein gesellschaftliches Verhältnis- diese Bestimmung gilt für die überwältigende Mehrheit der unter der Diktatur über die Bedürfnisse lebenden Bevölkerung. Die Menschen in dieser Gesellschaft haben keinen anderen Besitz als ihre Arbeitskraft und das, was sie nach den Festsetzungen der Planungselite für ihre Löhne bekommen können. Die Arbeiter können die Proportionen, die Voraussetzungen, die gesellschaftlichen Ziele und die Ergebnisse des Produktionsprozesses nicht bestimmen, und sie haben auch keinen Einfluß auf das für das Leben des einzelnen wichtigste Verhältnis: das zwischen der Arbeitszeit und der Zeit, die selbstbestimmter Aktivität gewidmet ist. Sie haben auch wenig Möglichkeiten, ihre Tätigkeit zu wählen, d.h. nach Belieben ihren Platz innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu wechseln.
(…)
Wenn die Arbeitskraft erst einmal vollständig der Planungselite unterworfen ist, kann der Staat autoritativ festlegen, was menschliche Bedürfnisse im allgmeinen sind und welche Struktur sie annehmen sollten, um mit den Zielen des Systems überein zu stimmen.
(…)
Die Arbeiter sind in einer Diktatur über die Bedürfnisse vollständig jeder Möglichkeit beraubt, ihre Freiheitsbedürfnisse zu artikulieren.

Wie wird sie gerechtfertigt?

Die Planung ist das höchste rationale Prinzip der Diktatur über die Bedürfnisse. Sie geht so weit, daß sie nach gesellschaftlicher Rationalität auf der Ebene der Bedürfnisse der Menschen strebt, daß sie erklärt, diese Bedürfnisse seien nicht existent und sie durch die theoretischen Rezepte der Planungselite ersetzt.(…)
Ihre anmaßenden Ansprüche, das „einzig richtige gesellschaftliche Wissen“ vorzutragen, ihr voluntaristischer Gesellschaftsentwurf und ihre pessimistische Anthropologie markieren das bedeutendste Scheitern des Rationalismus in diesem Jahrhundert.
(…)
Während die Planungselite die kapitalistische Irrationalität richtig kritisierte und das Erbe des modernen Rationalismus antrat, kassierte die marxistische Variante sogar das Recht auf kritisches Denken bei denjenigen, die nicht selbst zu Elite gehören.

Was war -unter anderem- Schuld?

Was diese radikalen Intellektuellen von Marx übernahmen, erwies sich als besonderes fatal: die Fabrik als Modell der gesellschaflichen Verhältnisse für die neue Gesellschaft. Die Wahl dieses Modells implizierte, daß Ziel-Rationalität zum Leitprinzip der radikalen Gesellschaftsvorstellungen wurde.
(…)
Die Wahl bedeutete auch, daß in diesem Modell persönliche Abhängigkeitsverhältnisse mit dem umfassenden System hierarchischer Beziehungen verknüpft wurden- eine typische Erscheinung des kapitalistischen Fabrikalltags, die vom Standpunkt sozialistischer Perspektiven aus nicht akzeptabel ist.

Alle Zitate aus: Ferenc Fehér: „Diktatur über die Bedürfnisse“. In: Ferenc Fehér, Agnes Heller: „Diktatur über die Bedürfnisse. Sozialistische Kritik osteuropäischer Gesellschaftsformationen“, S.25-43.

Der junge Marx über Geschichtsphilosophie

Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produkionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Amerikas der Zweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, wodurch dann die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält und eine „Person neben anderen Personen“ (als da sind: „Selbstbewußtsein, Kritik, Einziger“ etc.) wird, während das, was man mit den Worten „Bestimmung“, „Zweck“, „Keim“, „Idee“ der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eine Abstraktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf die spätere ausübt.

(Aus Karl Marx/Friedrich Engels Die Deutsche Ideologie)

Was ist eigentlich Geschichtsphilosophie?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Michael Heinrich in seinem sehr lesenswerten Artikel Geschichtsphilosophie bei Marx.
Weit mehr als bei Marx selbst wurde im „Historischen und Dialektischen Materialismus“ der marxistisch-leninistischen Weltanschauung behauptet, die Geschichte hätte ein Ziel und würde nach objektiven Gesetzen voranschreiten, die durch das Studium des „wissenschaftlichen Sozialismus“ erkannt werden könnten.

Der Marxsche Blick auf Afrika

Der Marxsche Blick auf Afrika erläutert die (fehlende?) Rolle Afrikas in Marxens Schriften. Der Artikel geht besonders auf die – im Vergleich zu seinen „Klassikern“ – wenig bekannten Briefe aus den letzten Lebensjahren und die so genannten Ethnologischen Exzerpthefte ein. Diese beschäftigen sich u.a. mit Kolonialherrschaft und „Entwicklung“ außerhalb Europas.
Der Artikel geht auch auf neuere marxistische Theorien zu Ökonomie und „Entwicklung“ ein. So beschäftigt er sich mit der Frage, ob das Konzept der asiatischen Produktionsweise auch für Afrika ein Erklärungsmodell sein kann oder ob es sogar eine eigene „afrikanische Produkutionsweise“ gibt. Der Begriff asiatische Produktionsweise stammt ursprünglich aus Marxens Grundrissen und wurde vom Sinologen – und Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – Karl Wittfogel popularisiert und neu interpretiert.

Marxens Verhältnis zu Afrika könnte auch für aktuelle Debatten um Geschichtsteleologie und Fortschrittsidealismus eine Bedeutung haben. Ein unkritischer Bezug auf Friedrich Engels’ Evolutionismus war schon während des Kosovokriegs Anlass zu Kritik (siehe Abschnitt „Engelszungen“). Von Lewis Henry Morgan hatte Engels nicht nur die These eines Urmatriarchats, sondern auch die Vorstellung einer unilinearen geschichtlichen Entwicklung von der Wildheit, über die Barbarei zur Zivilisation übernommen. Derartige antiquierte Vorstellungen spuken heute noch durch die Köpfe von Leuten, die andere Menschen als vormoderne Barbaren betrachten.