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ISF: Lob des Feudalismus

Während man von Seiten einiger Antideutscher jahrelang das Argument hörte, die Militärintervention im Irak sei notwendig, um dort den Kapitalismus einzuführen und damit Bedingungen zu schaffen, den Kapitalismus zu überwinden, haben diese inzwischen eingesehen, dass diese These nicht pro-westlich genug ist und auch die Formen des europäischen Mittelalters schon verdammt emanzipatorisch waren.1
So schreibt die Blogkommentatorin Anette:

Nun fehlt es im Gaza, dort wo der Feudalismus noch ein Fortschritt wäre, bestimmt nicht an finanzieller Hilfe.

Diesen klugen Gedanken hat sie wahrscheinlich beim Lesen eines ISF-Flugblatts entdeckt. Dort wird über das historische Palästina geschrieben:

(…) keinen Staat, kein zentralisiertes Gewaltmonopol, gab es in Palästina, dessen vorfindliche Souveränität man, wie es die französischen Revolutionäre taten, erobern und sich aneignen hätte können. Kein Staatsterritorium gab es, dessen Bewohner man hätte zur Bevölkerung formen können. Keine Gesellschaft gab es, wie in Frankreich, deren Produktionsweise irgend auf den Kapitalismus hinwies. Was es in Palästina gab, das war die Herrschaft des Osmanischen Reiches, d.h. das gesellschaftliche System einer asiatischen Despotie und einer asiatischen Produktionsweise, in der, im islamischen Kalifat (dem die Hamas bis heute nachtränt), die bedingungslose Einheit weltlicher und geistlicher Macht herrschte

Zunächst stimmt es, dass dieses Gebiet von 1516–1831 und 1841-1917 unter Herrschaft des Osmanischen Reiches stand und Karl Marx dieses als „orientalischen Despotismus“ mit „asiatischer Produktionsweise“ beschrieb. Marx war tatsächlich einige Zeit der Auffassung, dass sich aus der asiatischen Produktionsweise nicht von selbst ein Kapitalismus entwickeln könne und dass die Kolonialherrschaft deshalb eine historische Notwendigkeit sei. Diese Position revidierte er jedoch später wieder, wie man am berühmten Brief an Vera Sassulitsch sehen kann.
Weiterhin schreibt die ISF über die vormoderne palästinensische Gesellschaft:

(…) in der der Einzelne, als Fellache, keineswegs, wie der europäische Bauer, ein Privateigentum an Grund und Boden genoß, sondern ein rechtloser Pächter war.

Darauf, inwieweit sich die damalige Gesellschaft auch empirisch korrekt mit dem Marxschen Begriff der asiatischen Produktionsweise (.doc) beschreiben lässt und ob die Bevölkerungsmehrheit überhaupt aus Fellachen bestand, geht die ISF nicht ein. Stattdessen wird die Überlegenheit des europäischen Feudalismus „bewiesen“. Dieser Beweis lässt sich leicht entkräften, da die der Feudalherrschaft unterworfenen Bauern entweder Leibeigene oder Hörige (in Deutschland erst 1848 abgeschafft) waren, jedoch keine von diesen Grundeigentum besitzen durften. Entsprechend dieser Argumentation könnte man auch behaupteten, dass die soziale Position des Fellachen „besser“ war, denn immerhin (!) war der ja kein Leibeigener…

Der Fellache war dem Mullah hörig wie kein Bauer seinem Pfaffen.

Woher sie das weiß, verrät die ISF nicht. Warum das so gewesen soll auch nicht. Wahrscheinlich liegt es am „arabischen Nationalcharakter“.

In Palästina gab es kein “Volk”, keine Masse Mensch, die irgend zum Staatsmaterial qualifiziert war, sondern moslemische Staatssklaven. In dieser despotischen Gesellschaft inaugurierten die jüdischen Immigranten in einem den Prozeß der “ursprünglichen Akkumulation” des Kapitals wie zugleich den der ursprünglichen Zentralisation der politischen Gewalt. Proletarier aller Länder, die den Status des Bürgers nicht anders denn als Freiheit begreifen konnten, setzten das “automatische Subjekt” (Marx) ex nihilo ins Werk, die dazu nötige Staatsgewalt inklusive.

Hier geht etwas durcheinander, denn die israelische Staatsgründung fand ja nach der Phase des britischen Mandatsgebiet statt und nicht während des Osmanischen Reiches.

Entgegen aller anderslautenden Selbstbekundungen steht die ISF mit ihrer ML-Stadientheorie dem „abgelebten MaoStalinisten Enver Hoxha“ näher als sie vielleicht denkt und führt in schlechter Argumentation einige Irrwege von Friedrich Engels weiter:

Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen:
Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus. (MEW 20:168)

  1. Die AANO hatte vor einigen Jahren noch das Massakrieren der Native Americans zum Zwecke der Eliminierung des Feudalismus gerechtfertigt. [zurück]

Realsozialismus: Diktatur über die Bedürfnisse

Im Gegensatz zu anderen marxistischen Kritiken des Realsozialismus betrachtet der ungarische Dissident Ferenc Fehér diesen nicht als „degenerierten Arbeiterstaat“ oder gar als „Staatskapitalismus“, sondern als „Diktatur über die Bedürfnisse“:

Um die Struktur der osteuropäischen Gesellschaften als System der Diktatur über die Bedürfnisse zu begreifen, ist es wichtig, sie als antikapitalistische Formationen aufzufassen. Sie sind das Ergebnis antikapitalistischer Revolutionen oder der militärisch-politischen Expansion einstmals siegreicher Revolutionen und stellen eine Antwort auf den Kapitalismus dar, wenn nicht gar eine Herausfordung für ihn.
Daher können sie nicht mit den Kategorien der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften beschrieben werden, sondern müssen als sozialistische Experimente angesehen werden.

Was sind die Merkmale dieser Diktatur?

Die gesamte Gesellschaft ist in ein Konglomerat aus Lohnarbeitern verwandelt worden. Marx hatte vollständig recht, als er formulierte, die Lohnarbeit sei ein gesellschaftliches Verhältnis- diese Bestimmung gilt für die überwältigende Mehrheit der unter der Diktatur über die Bedürfnisse lebenden Bevölkerung. Die Menschen in dieser Gesellschaft haben keinen anderen Besitz als ihre Arbeitskraft und das, was sie nach den Festsetzungen der Planungselite für ihre Löhne bekommen können. Die Arbeiter können die Proportionen, die Voraussetzungen, die gesellschaftlichen Ziele und die Ergebnisse des Produktionsprozesses nicht bestimmen, und sie haben auch keinen Einfluß auf das für das Leben des einzelnen wichtigste Verhältnis: das zwischen der Arbeitszeit und der Zeit, die selbstbestimmter Aktivität gewidmet ist. Sie haben auch wenig Möglichkeiten, ihre Tätigkeit zu wählen, d.h. nach Belieben ihren Platz innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu wechseln.
(…)
Wenn die Arbeitskraft erst einmal vollständig der Planungselite unterworfen ist, kann der Staat autoritativ festlegen, was menschliche Bedürfnisse im allgmeinen sind und welche Struktur sie annehmen sollten, um mit den Zielen des Systems überein zu stimmen.
(…)
Die Arbeiter sind in einer Diktatur über die Bedürfnisse vollständig jeder Möglichkeit beraubt, ihre Freiheitsbedürfnisse zu artikulieren.

Wie wird sie gerechtfertigt?

Die Planung ist das höchste rationale Prinzip der Diktatur über die Bedürfnisse. Sie geht so weit, daß sie nach gesellschaftlicher Rationalität auf der Ebene der Bedürfnisse der Menschen strebt, daß sie erklärt, diese Bedürfnisse seien nicht existent und sie durch die theoretischen Rezepte der Planungselite ersetzt.(…)
Ihre anmaßenden Ansprüche, das „einzig richtige gesellschaftliche Wissen“ vorzutragen, ihr voluntaristischer Gesellschaftsentwurf und ihre pessimistische Anthropologie markieren das bedeutendste Scheitern des Rationalismus in diesem Jahrhundert.
(…)
Während die Planungselite die kapitalistische Irrationalität richtig kritisierte und das Erbe des modernen Rationalismus antrat, kassierte die marxistische Variante sogar das Recht auf kritisches Denken bei denjenigen, die nicht selbst zu Elite gehören.

Was war -unter anderem- Schuld?

Was diese radikalen Intellektuellen von Marx übernahmen, erwies sich als besonderes fatal: die Fabrik als Modell der gesellschaflichen Verhältnisse für die neue Gesellschaft. Die Wahl dieses Modells implizierte, daß Ziel-Rationalität zum Leitprinzip der radikalen Gesellschaftsvorstellungen wurde.
(…)
Die Wahl bedeutete auch, daß in diesem Modell persönliche Abhängigkeitsverhältnisse mit dem umfassenden System hierarchischer Beziehungen verknüpft wurden- eine typische Erscheinung des kapitalistischen Fabrikalltags, die vom Standpunkt sozialistischer Perspektiven aus nicht akzeptabel ist.

Alle Zitate aus: Ferenc Fehér: „Diktatur über die Bedürfnisse“. In: Ferenc Fehér, Agnes Heller: „Diktatur über die Bedürfnisse. Sozialistische Kritik osteuropäischer Gesellschaftsformationen“, S.25-43.

Der Antisemitismus und die Linke I- Klassiker über den Antisemitismus

Il n‘y a pas d‘Aryens, il n‘y a pas de sémites : il y a des pauvres et des riches, des exploiteurs et des exploités. (…)
A ceux qui dénonceront devant toi le péril juif, réponds en attaquant le capital, quel qu‘il soit, juif ou chrétien : le capital sans qualificatif. A ceux qui t‘engagent à crier à bas Israël, réponds encore à bas le capital, à bas la propriété, et ne sors pas de là, ne te laisse pas détourner de ta route par ceux qui veulent t‘engager dans une impasse qui ne te conduira à rien.
Va ! la finance, l‘agio, le capital, la propriété, tous tes ennemis, en un mot, ne sont pas juifs, ils sont universels, ils sont chrétiens, ils sont musulmans, ils sont bouddhistes.

(Bernard Lazare 1899)

Zu Dokumentationszwecken poste ich im folgenden einige Texte von marxistischen und anarchistischen Autoren, die sich mit Antisemitismus auseinandersetzen.

Friedrich Engels Über den Antisemitismus (1890)

Bernard Lazare Contre l‘antisemitisme (1896)

Bernard Lazare Antisémitisme et Révolution (1899)

Der anarchistische Schriftsteller Bernard Lazare war -noch vor Émile Zola- der erste Verteidiger von Alfred Dreyfus.

Wladimir Illitsch Lenin Über die Pogromhetze gegen die Juden (1919)

Lenin sprach diese Rede auf Schallplatten, damit sie auch für Analphabeten zugänglich war.

Rudolf Rocker Antisemitismus und Judenpogrome (1923)

Nestor Machno To the Jews of All Countries (1927)

Nestor Machno The Makhovshchina and Anti-Semitism (1927)

Während des Bürgerkriegs in der Ukraine kam es zu zahlreichen Judenpogromen, wo teilweise wohl auch Anhänger der Machnobewegung beteiligt waren, wobei das umstritten ist.
Die obigen Texte vermitteln -meines Erachtens- aber glaubhaft, dass Machno selbst kein Antisemit war und den Antisemitismus in seiner eigenen Bewegung bekämpfte, wofür auch die Freundschaft mit Sholom Schwartzbard spricht.

Josef Stalin Über den Antisemitismus. Antwort auf eine Anfrage der Jüdischen Telegrafenagentur aus Amerika. (1931)

Stalin sollte sich später leider selbst zum Antisemiten entwickeln.

Leo Trotzki Thermidor und Antisemitismus (1937)

Was ist eigentlich Geschichtsphilosophie?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Michael Heinrich in seinem sehr lesenswerten Artikel Geschichtsphilosophie bei Marx.
Weit mehr als bei Marx selbst wurde im „Historischen und Dialektischen Materialismus“ der marxistisch-leninistischen Weltanschauung behauptet, die Geschichte hätte ein Ziel und würde nach objektiven Gesetzen voranschreiten, die durch das Studium des „wissenschaftlichen Sozialismus“ erkannt werden könnten.

Die These vom Urmatriarchat

Genese und Aktualität des Patriarchats heißt ein Artikel aus dem Cee-Ieh, der Sexus und Geist von Christoph Türcke referiert.
Der Text erscheint sehr fraglich. Zunächst wird in einem Stufenmodell eine evolutionistische Abfolge vom Matriarchat in der „Urgesellschaft“ zum späteren Patriarchat behauptet (das Patriarchat soll höher entwickelt sein). Die Existenz eines Matriarchats wird durch archäologische Funde „bewiesen“:

Dass es das Matriarchat gegeben hat, beweisen die vielerorts gefundenen Venusstatuetten. Diese und von griechischen Dichtern überlieferte Mythen lassen darauf schließen, dass in der Frau Heiliges verehrt wurde. Insbesondere die weiblichen Geschlechtsmerkmale sind in den Statuetten äußerst voluminös dargestellt – das soziale ist vermittels des biologischen Geschlechts modelliert, ist jenem entrückt aber doch verbunden. So war die Frau als Gebärende des menschlichen Lebens der Inbegriff des Lebens und der Mittelpunkt des Kults. Schon aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung einer „Mutter Erde“, aus der das Leben hervorgeht und in die es wieder zurückkehrt.

Das ist durch und durch spekulativ. Einige wenige Überbleibsel der materiellen Kultur von vor tausenden Jahren werden positivistisch zu Beweisen. Die Venusstatuen, müssen gar keine „Göttinnen“ sein, ja sie könnten sogar etwas ganz Profanes sein. Wenn weibliche Gottheiten verehrt werden, dann sagt das über die Stellung von Frauen in einer Gesellschaft (bzw. Gemeinschaft) überhaupt nichts aus. Es gab historisch schon einige Beispiele von weiblichen Herrscherinnen über riesige Staaten, was aber in keinem Widerspruch zu einer gesamtgesellschaftlichen Unterdrückung der Frau stand.

Eine Matriarchatstheorie (wie sie z.B. noch bei Erich Fromm zu finden ist) kam durch Friedrich Engels‘ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in den Marxismus. Dieses Buch wurde wiederum von Lewis Henry Morgans „Die Urgesellschaft“ inspiriert. Morgan hatte eine Feldforschung bei den Iroquois, einer matrilinearen Gesellschaft (in der die Frauen das Land besitzen und nur sie es vererben können), gemacht. Da er die Einflusssphäre von Männern (die alle polischen Entscheidungen fällen konnten) aber nicht wahrnahm, kam er zu der Fehlinterpretation eines Matriarchats. Und da er die Iroquois für eine archaische Vorstufe der heutigen Gesellschaft hielt, stellte er die Theorie eines Matriarchats in der Urgesellschaft auf.

Selbstverständlich hätte es auch eine Herrschaft von Frauen über Männer geben können bzw. es könnte sie auch jetzt geben. Morgans‘ Schluss ist einfach nur falsch und Aussagen über Herrschaftsverhältnisse der „Urgesellschaft“ haben einen höchst spekulativen Charakter.

Der Text über Türcke spricht von der Aktualität des Patriarchats. Eine traditionelle Herrschaft (im Sinne Max Webers) von einigen wenigen alten Männern scheint aber kaum auf die moderne Gesellschaft zuzutreffen. Ein Patriarchat in diesem Sinne kann die Komplexität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht erfassen. In findet sich ein Artikel names „Wer uns beherrscht, was uns formt“, der in dieser Hinsicht weit erhellender ist (sicher nicht völlig erschöpfend). Statt einem Patriarchat wird von einer heterosexuellen bzw. heterosexistischen Matrix ausgegangen. Jedes Subjekt muss sich in dieser Matrix der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit einordnen, wobei Männer tendenziell privilegiert sind. Dabei sind aber auch Frauen Trägerinnen des gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses und keineswegs nur handlungsunfähige Opfer.

Die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees

Das Schlimmste haben wir nicht verhindern können und das, was zum Besten hätte werden können, ist zum Schlechten geworden.
Manès Sperber

Heute vor 55 Jahren am 12. August 1952 wurden 13 Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees der Sowjetunion liquidiert:

Es war eine Farce und kein Prozess, denn das Urteil stand bereits im Vorfeld fest: Nach einer dreimonatigen Gerichtsverhandlung wurden am 12. August 1952 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis 13 Angeklagte jüdischen Glaubens hingerichtet. Der Prozess vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion unter Vorsitz des Generals der Justiz A. Tschepzow begann am 7. Mai 1952 ohne Vertreter der Anklage oder Verteidigung, aber mit 42 Bänden an Untersuchungsakten und endete am 18. Juli 1952. Stalin hatte die Todesurteile zu diesem Zeitpunkt bereits angeordnet. Wozu die ganze Maskerade mit Tausenden von Akten an erfolterten Geständnissen, die die Angeklagten in den letzten Gerichtssitzungen sowieso widerriefen? Im Prozess wurden oft jiddische Gedichte und Texte als Anklagepunkte zitiert. Eigentlich saß die jiddische Sprache und Kultur auf der Anklagebank, ein seltenes Ereignis in der Kultur- und Justizgeschichte

Das Urteil hatte eine lange Vorgeschichte. Am 24. August 1941, zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, fand in Moskau eine Veranstaltung statt, die von der Presse als „Öffentliche Versammlung der Vertreter des jüdischen Volkes“ bezeichnet wurde. An ihr nahmen viele bedeutende Persönlichkeiten der Sowjetunion, wie Ilja Ehrenburg, Sergej Eisenstein und Piotr Kapiza teil.

Sergej Eisenstein

Einige von ihnen richteten einen leidenschaftlichen Appell an die Juden der Welt, der Sowjetunion in ihrem Kampf ums Überleben zu helfen. Der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters in Moskau, Salomon Michoels, sagte: „Brider un schwester, jidn vun der ganzer welt. Uns trennen zwar mächtige Ozeane, aber wir sind vereinigt durch Ozeane von Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne und Brüder, die durch die Faschisten vergossen wurden.“

Dem 1942 konstituierten Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion (JAFK) mit dem Präsidenten Michoels an der Spitze gehörten fast hundert Persönlichkeiten aus der Literatur, Journalistik, Kunst, Theater, Film, Staatsbeamte sowie die Generäle und „Helden der Sowjetunion“ Buber, Milner, Kreiser und Admiral Trainin an. Mehr als eine halbe Million sowjetischer Juden kämpften als Soldaten oder Partisanen für den Sieg über Hitler-Deutschland. Sie erhielten mehr als 160.000 Auszeichnungen; 146 jüdische Soldaten wurden mit der höchsten Tapferkeitsauszeichnung „Held der Sowjetunion“ geehrt, darunter die Nachtbomber-Pilotin Paulina Gelman und der U-Boot-Kommandant Israel Fissanowitsch; beide waren JAFK-Mitglieder.

Das JAFK war nicht nur Zentrum der Kriegspropaganda, sondern auch der jiddischen Kultur und Literatur. Bereits im Juni 1942 wurde das Organ des JAFK, die jiddische Zeitung „Ejnikeit“ – Eintracht, gegründet. Die Presseagentur des Komitees ISPA versandte mehr als 23.000 Artikel, mehrere Buchmanuskripte und mehr als 3000 Fotos an die ausländische Presse, die in 264 Periodika in zwölf Ländern veröffentlicht wurden. Im Verlag des JAFK erschienen 65 Bücher, viele Essays, Dokumentationen und Broschüren.

Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt. In der Presse der besuchten Länder erschienen mehr als 700 Artikel. Als Folge der Reise wurden viele Hilfskomitees für die Sowjetunion gegründet, mit Albert Einstein an der Spitze.

Nach dem siegreichen Ende des Krieges begannen die „schwarzen Jahre“ des sowjetischen Judentums. Die während des Krieges willkommenen nationalen Tendenzen, die sowohl die Juden, als auch andere Nationalitäten zu größeren Leistungen für die Sowjetunion anspornen sollten, wurden auf einmal als chauvinistische Abweichung gebrandmarkt. Die Ermordung des JAFK-Präsidenten Michoels in Minsk am 12. Januar 1948 erfolgte auf persönlichen Befehl Stalins, sorgfältig eingefädelt und als Verkehrsunfall kaschiert. Für den Ermordeten wurde ein Staatsbegräbnis angeordnet. Im November 1948 liquidierte der sowjetische Staatssicherheitsdienst NKWD das gesamte Komitee und konfiszierte das umfangreiche Archiv des JAFK. Bis Ende Januar 1949 waren alle 15 Angeklagten des Prozesses von 1952 inhaftiert.

Die vom „Kongress für jüdische Kultur“ in New York zusammengestellte Liste der in dieser Zeit verschwundenen jüdischen Künstler und Intellektuellen enthält 450 Namen von Schriftstellern, Schauspielern, Musikern, Malern und Bildhauern. Außerdem wurden viele jüdische Partei- und Regierungs-Funktionäre, Wissenschaftler und Industrieangestellte verhaftet, wie auch die gesamte Führung des Jüdischen Autonomen Gebietes in Birobidschan.

Gleichzeitig schloss die Staatsmacht die meisten kulturellen Einrichtungen der Juden, wie Theater, Verlage, Zeitungen, Schulen, Die verhafteten Führer des JAFK wurden unzähligen Vernehmungen und Foltern durch 35 brutale Ermittler unterworfen; sie sollten absurde Verbrechen gestehen, denn die „Organe“ konnten keine dokumentarischen Beweise für die behauptete Spionage oder Verrat vorlegen. Die absurdeste Beschuldigung war, dass das JAFK auf der Krim eine jüdische Republik unter amerikanischem Protektorat gründen wollte.

(Aus: Wie Stalins Judenverfolgungen verheimlicht wurden.)

Die Exekution war die letzte Welle des Antisemitismus in der Sowjetunion unter Josef Stalin (nicht dass dieser nach seinem Tod verschwunden wäre). Begleitet wurde die Liquidierung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees von der Kampagne gegen das Kosmopolitentum und dem Prozess gegen eine „jüdische Ärzteverschwörung“.

Doctor's Plot
Karikatur zur "Ärzteverschwörung" im sowjetischen Magazin
Krokodil von 1953

Auch die Veröffentlichung des Schwarzbuchs über die Vernichtung der sowjetischen Juden wurde von Stalin verhindert.

Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte sich fast niemand mit der Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Erst in den letzten Jahren erschien zwei Bücher, die sich eingehender mit seinem Schicksal auseinandersetzen:

* Stalin und die Juden von Arno Lustiger
* Stalin’s Secret Pogrom von Joshua Rubenstein

‚Land of the free, home of the Glücksversprechen‘

Zwei Texte zum Irakkrieg aus dem Jahr 2003 von der Freiburger Initiative: Kritik im Handgemenge, die sich sowohl mit bürgerlichen Demokratiediskursen als auch den ML-Stadientheorien der Antideutschen, die behaupten die „Zivilisation“ (sprich: der Kapitalismus) müsse dort eingeführt werden, um die „Bedingung der Möglichkeit“ -also die Aufhebung des Kapitalismus durch den Kommunismus- zu schaffen, beschäftigen:

Basisbanalitäten über bürgerliche Gesellschaft und ihren Export


Dig it like Bentham.
Krise, Krieg und die Bewegung für Zivilisation und Demokratie

Genozid für den Fortschritt

Karl Marx hat sich im Fall der Vertreibung der Indianer in Nordamerika positiv geäußert.1 Der Drang der weißen Siedler nach Westen war notwendig, um die feudalen Strukturen aufzubrechen

So ein AANO-Sprecher in einem Interview mit der Jungen Welt.
Davon abgesehen, dass es im vorkolonialen Nordamerika gar keine feudalen Strukturen gab und diese Behauptung der geschichtsteleologischen ML-Stadientheorie geschuldet ist zeigt es doch den Widerspruch zu den Grundannahmen der Kritischen Theorie, auf die sich Post-Antideutsche immer noch berufen. Dies lässt sich an folgenden Zitaten verdeutlichen:

Daß die Geschichte eine bessere Gesellschaft aus einer weniger guten verwirklicht hat, daß sie eine noch bessere in ihrem Verlaufe verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, daß der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt. Zwischen diesen beiden Tatsachen gibt es eine Reihe von erklärenden Zusammenhängen, aber keinen rechtfertigenden Sinn.

Max Horkheimer: Ein neuer Ideologiebegriff? 1930

Selbst die Konquistadorenüberfälle auf das alte Mexiko und Peru, die dort müssen erfahren worden sein wie Invasionen von einem anderen Planeten, haben, irrational für die Azteken und Inkas, der Ausbreitung der bürgerlich rationalen Gesellschaft bis zur Konzeption von one world blutig weitergeholfen, die dem Prinzip jener Gesellschaft teleologisch innewohnt.

Theodor W. Adorno: Weltgeist und Naturgeschichte 1966

Wenngleich die Kritische Theorie selbst zum Teil fragwürdige Thesen vertrat -beispielsweise könnte man die Dialektik der Aufklärung, wo in der gesamten Menschheitsgeschichte schon die Katastrophe angelegt ist, als negative Geschichtsteleologie betrachten- so muss man ihr doch zugute halten, dass sie den Idealismus von „Fortschritt“ und „Zivilisation“ hinterfragt hat. Gerade dies ist doch ein fundamentaler Gegensatz zu den „Basisbanalitäten“, die sich die Post-Antideutschen auf die Fahnen geschrieben haben, ebenso wie deren Konsumhedonismus.

  1. Karl Marx hat sich nie in dieser Hinsicht geäußert, die Aussage ist eine Erfindung [zurück]