Archiv der Kategorie 'Rassismus'

„…über Agenten und Zionisten“

Terminal 119 und Café Morgenland mit einem neuen Text über Antisemitismus und Rassismus in Griechenland, vor allem am Fall von Konstantinos Plevris.

„Es gibt in Deutschland keinen Rassismus“

Es gibt Kommentare, die nicht zu Unrecht im Spamfilter landen:

Yo yo yo! ALTA! Yo yo yo!

“Da ersetzt du jetzt Herkunft mit Umfeld.
Warum sollen Türken oder Araber denn gewalttätiger sein als andere?
Zudem ist es völkisch, Leuten, die hier sozialisiert wurden und aufgewachsen sind, zu kulturell Anderen zu machen.”

Natürlich sind die, bist du, seid ihr kulturell andere… ihr redet wie Sonderschüler aus der Behindertenwerkstatt (”Isch, äh, isch…”) , führt euch auf wie absolute Idioten…. was soll der scheiß? Ihr habt bräunliche Haut, spielt eure schwulen Heulschwuchtelklingeltöne in der U-Bahn ab? Dffff…! Ein Witz oder? Rassismus? Es gibt in Deutschland keinen Rassismus. PUNKT. Geh nach Italien, da gibt es Rassismus, da brennen sie Zigeunercamps nieder. Passiert das hier? Nein. “Völkisch”? Pfff. Die einzigen, die hier “völkisch” sind, seid ihr Türken und Araber. Leb damit man, wenn du so voll Hass bist, dann erschieß deine Schwester, aber piss den guten Leuten aus Deutschland nicht ans Bein, du Kanacke!!! Und nein, ihr werdet hier nie akzeptiert werden, live with it!

Ethnisierung des Sexismus

Als Ergänzung zu Schattenkontrastierens Bericht über den Anti-muslimischen Geschlechterdiskurs poste ich einige Auszüge aus einem Aufsatz von Margarete Jäger namens Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Der Artikel wurde schon 1996 unter dem Titel „irgendwie steckt das doch in ihm, daß er… anders ist wie en deutscher Mann“ veröffentlicht und ist wohl heute weitaus aktueller als damals:

Untersuchungen zum Einwanderungsdiskurs in Deutschland haben sich immer wieder mit einer Argumentationsfigur auseinanderzusetzen, die ich im folgenden als Ethnisierung von Sexismus bezeichne. Sie zeigt eine Diskursverschränkung an, die ganz besondere Wirkungen entfaltet. Kaum jemanden ist wohl die Auffassung noch nicht begegnet, daß türkische oder moslemische Männer besonders sexistisch seien, daß sie Frauen in besonderer Weise unterdrückten. Dieses Argument dient dann häufig als Begründung dafür, daß ein Zusammenleben mit Türken oder Moslems für ‚uns’ nur schwer oder gar nicht möglich ist. Sehr häufig wird dieser ethnisierte Sexismus auch mit dem Islam in Verbindung gebracht, wenn etwa angenommen wird, der Koran schreibe Männern die Herrschaft über Frauen geradezu vor.
(…)

Bei einer ‚statischen’ Ethnisierung von Sexismus wird das Geschlechterverhältnis zu einem Merkmal von Rassenkonstruktion. Sexismus wird z.B. als eine natürliche Eigenschaft von Moslems definiert. Diese Form von Ethnisierung von Sexismus verweist auf einen ihr zugrundeliegenden Rassismus, und sie muß als eine Ausdrucksform von Rassismus begriffen werden.
(…)

Dies wird in einem zugrunde liegenden Interview mit „Florian“ deutlich:

Florian nimmt hier zwar keine biologische Naturalisierung in dem Sinne vor, daß er unterstellt, moslemische Männer seien von Natur aus dominant. Vielmehr betrachtet er die moslemische Erziehung als so prägend, daß eine Veränderung des Einzelnen ihm danach nicht mehr möglich erscheint. Auf diese Weise konstruiert er Sexismus zu einem Charakteristikum des moslemischen Mannes. Die Erziehung kann in diesem Sinne als eine zweite Natur angesehen werden. Entscheidend ist dabei, daß die Vorherrschaft des Mannes als ein Bestandteil islamischer Religion unterstellt wird. Florian argumentiert hier also kulturrassistisch.

Pogromo über Türken und Araber

Im Artikel Mit Allah gegen die Scheißdeutschen.
In Köln-Kalk formiert sich antideutscher Protest
der Zeitschrift Pogromo (hxxp://prodomo.50webs.net/8/mit_allah_gegen_die_scheissdeutschen.html) werden humanethologische Erkenntnisse über Türken und Araber präsentiert. Anlass ist die Tötung eines arabischen Jugendlichen durch einen Deutschen:

Bei etwa 65.000 Türken und etwa 13.000 Arabern, die in Köln leben (etwa 8% der Bevölkerung), kann man kaum von einer wehrlosen Minderheit sprechen, zumal die Ideologie des Türken- bzw. Arabertums im Zusammenspiel mit dem Ausschluss der Männer aus dem häuslichen Bereich gerade die Jugendlichen zu Banden zusammenschweißt, die auf den Straßen ihr Unwesen treiben. Werden Türken oder Araber Opfer neonazistischer Angriffe, dann zumeist wenn sie nicht im Gruppenverband auftreten. Insofern lässt sich durchaus konstatieren, dass die Präsenz von Neonazis auf den Straßen auch die Entwicklung bandenförmiger Strukturen unter den migrantischen Jugendlichen vorangetrieben hat. Wolfgang Pohrt fasste diesen Zusammenhang vor einigen Jahren so zusammen: Ein „fröhliches Kräftemessen also, aber keineswegs ‚alltägliche rassistische Gewalt’ dergestalt, dass deutsche Täter ausländische Opfer quälen.“

Schließlich wird auch noch eine Welle von rassistischen Übergriffen, ausgehend von Türken=Arabern=Moslems=Islamisten=Nazis, herbeiphantasiert. Opfer wären vor allem Deutsche aber auch Schwarze:

Und der rassistische Charakter, der immer nur den Nazis zugeordnet wird, betrifft ebenfalls eine steigende Mehrheit türkischer und arabischer Jugendlicher: „Was die Ressentiments gegen Ausländer betrifft, so sprechen übrigens Indizien und die Meinung von Insidern dafür, dass sich dergleichen am stärksten bei türkischen Jugendlichen entwickelt, nämlich ein ausgeprägter Deutschenhass.“
(…)
Schwarzafrikaner etwa, sind von antischwarzem Rassismus moslemischer Prägung ebenso bedroht wie durch deutsche Neonazis. Erst im Januar war ein 22-jähriger Kongolese mitten im Kölner Studentenviertel brutal zusammen geschlagen worden.
(…)
Sowohl vom Kongolesen als auch weiteren Zeugen der Auseinandersetzung wurden die Täter, die das Opfer geschlagen haben sollen, bei der späteren Vernehmung als ‚mediterrane Erscheinung’ bezeichnet.
(…)
Nun lässt die Beschreibung „mediterran“ offen, welcher Herkunft die Täter waren (grundsätzlich hat die Antifa in Köln also richtig gehandelt als sie die Tat ohne jede weitere Täterzuordnung „rassistisch“ nannte), dass es sich jedoch um Moslems gehandelt haben könnte, ist aufgrund des manifesten antischwarzen Rassismus unter türkischen und arabischen Jugendlichen zumindest möglich.

Dass es für diese angebliche Welle von rassistischen Gewalttaten nicht einen einzigen Beleg gibt, steht in dem Artikel selbst:

Leider liegen mir keine Statistiken über rassistische Angriffe auf Schwarze von Seiten moslemischer Jugendlicher vor, was nicht auf meine Schludrigkeit zurückzuführen ist, sondern darauf, dass die institutionalisierte Empirische Sozialforschung offensichtlich keinen politischen Willen hat, dieses Phänomen zu erforschen. In der ausführlichen Untersuchung über Muslime in Deutschland, die vom Bundesinnenministerium herausgegeben wurde, fehlt dieses Feld jedenfalls gänzlich. Insofern kann ich meine Analyse an diesem Punkt lediglich auf Alltagserfahrungen sowie auf Kenntnisse über die rassistische Tradition im Islam stützen.

Hier liegt natürlich eine Verschwörung vor, angezettelt von den „Multikultis, die das Land regieren“, aber mutige Menschen wie Jan Huiskens trotzen ihr und bringen die Wahrheit ans Licht.

Pogromo
Bild: Redaktion Pogromo bei der Islamkritik

The N-Word I: Was Gegenstandpunkt und Bahamas gemeinsam haben

Was haben GegenStandpunkt und Bahamas gemeinsam? Gar nichts, könnte man meinen.
Außer vielleicht:
das Bleiwüstenlayout.

Dennoch legt die Bahamas bekanntlich großen Wert auf Front- und Backcover. Der Gegenstandpunkt verwendet zwar gar keine Bilder, beim Vorgänger MSZ war dies aber noch üblich.1
Und hier findet sich doch eine Gemeinsamkeit, nämlich in die Vorliebe für „Negerkarikaturen“:

Folgendes Bild findet sich im MSZ-Artikel Entlarvt! (II): Stalinismusvorwurf erkenntnistheoretisch (29. April 1977):

Anlass ist ein Text namens „Zur Kritik der AK“ von der Juso-Hochschulgruppe Nürnberg/Erlangen, der linguistisch-erkenntnistheoretisch argumentiert und der selbst das Beispiel der „Watussi3-Neger“ anführt.

Die MSZ zitiert und kommentiert:


„Doch, was ist „unser Wissen“?? Das Wissen über den Bewegungsablauf des Watussi-Negers beim Kulttanz, oder über die kapitalistische Produktionsweise?“
(Juso HSG)

Weil diesen so grundlegend nach einer Begründung fragenden Menschen die Auskunft fehlt, weswegen wir uns mit dem Kapitalismus beschäftigen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den entscheidenend Mangel der PE hier zu beheben. Watussi-Neger bewegen sich beim Kulttanz überhaupt nicht, sie sind in „Sprache“ und bemühen sich um die wissenschaftliche exakte Einführung von Begriffen.

Die Jusos schreiben weiterhin:


„Die Bücher zur Konkurrenz, vom Staat und vom Weltmarkt, die Marx noch im Aufbauplan zum „Kapital“4 vorgesehen hatte, sind noch nicht, auch nicht von der AK /MG geschrieben.“

Die MSZ erwidert:

Abgesehen davon, daß diese Bücher gegen Voreinsendung von DM 30.- in Briefmarken bei Robert Watussi erhältlich sind, drängt sich der Verdacht auf, daß Leute, die „in Sprache“ sind, an der vorgegebenen Deutung der Welt soviel Erkenntnis entdecken, daß sie dergleichen gar nicht lesen, geschweige denn schreiben wollen.

Der „Witz“ mit dem erfundenen Robert Watussi funktioniert nur deshalb, weil man von den „Angehörigen der schwarzen Rasse“ (GegenStandpunkt 04/06) nicht erwartet, dass sie Gesellschaftskritik leisten könnten, da „ihr Intellekt nicht einmal im entferntesten ausreicht“ (MG 1983). Man lacht über die „primitiven Afrikaner“, die sich „noch nicht einmal vom Naturzusammenhang gelöst haben“ (MG 1983)3 und anscheinend nichts anderes können als Trommeln und Tanzen, nicht aber etwas Geistiges leisten.

„Negerkarikaturen“ finden sich auch in der Bahamas, hier zum Beispiel das Backcover von Ausgabe Nr. 39.
Bahamasbackover

Der Umschlag der Nr. 45 zeigt den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen -für Justus Wertmüller das Zentrum einer Weltverschwörung- Kofi Annan als „Onkel Tom“:

Das folgende Bild ist als solches zwar nicht rassistisch, zeigt aber wer von der Bahamas als Feind angesehen wird:

  1. Die „Marxistische Studentenzeitung“ erschien von 1974 bis 1991 und war zunächst die Publikation des „AK Rote Zellen/Marxistische Gruppen“ und später der „Marxistischen Gruppe“ [zurück]
  2. Watussi: altertümlicher Begriff für Tutsi, jene Gruppe, die dem Genozid von Ruanda 1994 zum Opfer fallen sollte [zurück]
  3. Mir ist bewusst, dass ich hier Zitate aus unterschiedlichen Zeiten zusammenbringe. Da die Nachfolger der Roten Zellen aber noch nie eine ihrer früheren Positionen revidiert haben, werden hier keine verschiedenen Argumentationen zusammen geworfen. [zurück]
  4. Karl Marx plante ursprünglich „Das Kapital“ in sechs Bände aufzuteilen. Zu seinen Lebzeiten konnte er lediglich den ersten Band veröffentlichen, Band 2 und 3 wurden posthum von Friedrich Engels herausgegeben. Siehe hierzu auch: Der 6-Bücher-Plan und der Aufbau des Kapital. Diskontinuierliches in Marx’ theoretischer Entwicklung von Michael Heinrich[zurück]

Ohne Worte

Der GSP und die „Negerstämme“ in Afrika

Der folgende Artikel wurde schon einmal auf dem Portal X-berg.de gepostet und bezieht sich auf eine Diskussion im damaligen Kommunistischen Forum über den Text Die politische Eigenart der afrikanischen „Nationalstaaten“ der Marxistischen Gruppe (MG) aus dem Jahr 1983.
Dies ist der erste von mehreren Texten, die sich mit dem Bild von Afrika und der „rückständigen Neger“ beschäftigen werden. Dabei wird auch die Debatte zum damaligen Artikel noch einmal Thema sein.

Eric Wolf

Vor allem anhand der Geschichte Somalias soll im Folgenden gezeigt werden, dass der obige Text seinem Anspruch, die bürgerliche Sichtweise zu kritisieren, keineswegs gerecht wird, sondern selbst in stereotypen Afrikabildern verhaftet bleibt.
Die Sichtweise der Marxistischen Gruppe fällt eben noch hinter den Marxschen Blick auf Afrika zurück.

(mehr…)

Ehrenmorde und Scharia?

Im vergangenen Jahr erschien im Conne Island Newsflyer der Text Frauen und die Scharia im Islam. Von den ganzen Falschbehauptungen über den Islam möchte ich einmal absehen und mich stattdessen auf das Schreckgespinst der „Parallelgesellschaften“ konzentrieren.

In Parallelgesellschaften leben Menschen in Gemeinschaften abgekoppelt von ihrer Umgebung und natürlich ohne Bezug zum Rechtssystem des jeweiligen Staates, in dem sie sich befinden. Ob die Menschen in diesen Parallelgesellschaften jenes Rechtssystems ablehnen oder, wie es bei Frauen oft der Fall ist, auf Grund von nicht vorhandenen Sprachkenntnissen oder Angst vor dem Fremden bzw. dem Alleine sein, keinen Zugang zu diesem haben, ist nicht wesentlich. Im Grunde brauchen sie das Rechtssystem nicht. Der Islam hat ein eigenes Gesetz, ja ein Rechtssystem über Staatsgrenzen hinaus.

So die Definition der CEE IEH-AutorInnen. „Parallelgesellschaften“ in Deutschland zeichnen sich angeblich dadurch aus, dass hier nicht die Freiheitlich-Demokratische-Grundordnung gelten würde, sondern die Scharia. Demzufolge müsste die Mehrheit der muslimischen MigrantInnen, oder zu mindest ein bedeutender Anteil, unter dem religiösen Gesetz des Islam leben. Das sieht man zum Beispiel an Stadtvierteln mit einem hohen Bevölkerungsanteil von Muslimen wie Kreuzberg oder Neukölln. Hier gilt das staatliche Gewaltmonopol nicht, nur mit Vollbart kann man sich überhaupt auf die Strasse trauen, ständig wird Dieben die Hand abgehackt und die ganzen Hartz-4-EmpfängerInnen können ihr Dosenbier nur versteckt konsumieren, da sie ansonsten Gefahr laufen, öffentlich ausgepeitscht zu werden…

Wenn Parallelgesellschaften über die Nichteinhaltung des Deutschen Rechts definiert werden, heißt es dann auch, dass DrogendealerInnen Parallelgesellschaften bilden, da sie sich ständig über das deutsche Recht hinwegsetzen und nach ihren eigenen Regeln leben?

Von den Autoren wird nun auch behauptet, dass „Ehremorde“ Konsequenz dieser Parallelgesellschaften seien, da dort ja die Scharia gelte.

Was haben Ehrenmorde mit der Scharia zu tun?

Die Antwort mag erstaunen, aber sie lautet: Nichts.
Es gibt nämlich keine (mir bekannte) islamische Autorität, die „Ehrenmorde“ legitimieren würde. Im Gegenteil: es gibt etliche Fatwas, die „Ehrenmorde“ -die im Französischen crimes d‘honneur (Verbrechen der Ehre) genannt werden- explizit verbieten. Diese Fatwas wurden gerade auch von islamistischen Autoritäten ausgesprochen. Mit der reaktionären Ideologie des Islamismus stehen „Ehrenmorde“ also nicht im Zusammenhang, auch wenn viele Leute sich das vielleicht so vorstellen mögen.
Morde im Namen der Ehre sind ein Widerspruch zum islamischen Rechtssystem. Die Scharia behandelt sie ganz ähnlich wie Selbstjustiz vom bürgerlichen Staat gehandhabt wird. Es ist also völlig falsch Ehrenmorde darauf zurückzuführen, dass die in Deutschland lebenden Muslime sich nicht an der FDGO, sondern an der Scharia orientieren würden. Hinzu kommt, dass Ehrenmorde in vielen islamischen Ländern, wie z.B. Indonesien oder Somalia gänzlich unbekannt sind.

Wieder mal ein Beleg dafür, dass man unwidersprochen alle möglichen Abstrusitäten über Muslime behaupten kann.

Zu viel Multikulti-Toleranz?

Das Problem bei der ganzen Geschichte ist nicht, dass Ehrenmorde thematisiert werden, sondern wie und in welchem Kontext sie „kritisiert“ werden. In den Medien erschienen die jüngsten als Resultat einer viel zu toleranten Politik der
„Multikultis, die das Land regier(t)en“
. Personen, die „Ehrenmorde“ verurteilten, sahen sich oft als Gegenstimme zum Mainstream und sogar als Rebellen oder Tabubrecher. Nach dem Prinzip „endlich wagt es mal jemand die Muslime zu kritisieren.“ Als ob das ein Tabu wäre und als ob der Islam im öffentlichen Bild nicht sowieso als besonders brutal und gewalttätig erscheinen würde.
Nichts wäre bescheuerter als Zwangsverheiratungen, „Ehrenmorde“ oder Genitalverstümmelungen unter Berufung auf so etwas wie „Kultur“ oder „Tradition“ zu rechtfertigen. Nur, gab es in den öffentlichen Auseinandersetzungen etwa jemanden, der dies getan hätte? Es mag einige wenige Leute geben, die tatsächlich so etwas legitimieren würden, allerdings niemanden, der wirklich ernst genommen werden würde.

In der Tat gibt es Multikulturalismus, der Menschen als Anhängsel ihrer „Kultur“ betrachtet und ihr Verhalten stets aus dieser „Kultur“ ableitet. In der Tat ist dies auch sehr kritikwürdig. Die so genannte „Islamkritik“ verwirft den Kulturalismus aber nicht, sondern teilt seine Grundannahmen. Lediglich die Bewertung stimmt nicht überein.
Auch hier wird sich auf Herkunft, „Kultur“ oder den Islam berufen, wobei dies bei Menschen ohne „Migrationshintergrund“ nie ins Feld geführt werden würde. Wenn ein Deutscher Mann seine Frau schlägt, wird dies ja auch nicht aus seinem „Nationalcharakter“ oder aus der besonders patriarchalischen Religion des Christentums erklärt. Anders bei „Ehrenmorden“, Zwangsverheiratungen oder „Frauenbeschneidung“, allesamt lokale Phänomene, die mit „dem Islam an sich“ nicht viel zu tun haben; sie werden „den Muslimen“ angedichtet, die gar nicht anders handeln könnten, da sie von ihrer „barbarischen Religion“ angetrieben werden würden.
Werden Kulturrelativismus und Multikulturalismus von dieser „Islamkritik“ völlig zu Recht auseinander genommen? Nein, denn genau das passiert eben nicht. Die Kritik ist gar keine, sondern ebenfalls eine Kulturalisierung des Sozialen, bloß unter negativem Vorzeichen. Die „Anderen“ werden nicht mehr für ihre „exotischen Bräuche“ bewundert, sondern für ihre „rückständige und barbarische“ Kultur verachtet. Wenn Antifeministen wie Jean-Marie Le Pen, Jörg Schönbohm oder Justus Wertmüller Frauenrechte in islamischen Ländern einfordern, wenn Leute, die schon mal eine Vergewaltigung als „schlechten Sex“ bezeichnen, sich gegen Zwangsverheiratung und sexuelle Gewalt in „migrantischen Milieus“ aussprechen, oder ausgerechnet die Leute, die zur Verstümmelung von Intersexuellen aufrufen, gegen Female Genital Mutilation wettern, was soll das sein, wenn nicht Kulturrelativismus?

300 Antideutsche

Als ich neulich den Film 300 im Kino sah, fragte ich mich, ob wohl Ernst Jüngers In Stahlgewittern die Vorlage von diesem Gebräu aus Rassismus, Dolchstosslegende, Judas-der-Verräter, Homophobie und Eugenik war.

300
"Asiatische Horden"

Ich erinnerte mich aber auch, was ich einmal in einen CEE IEH-Artikel gelesen hatte, dass es nämlich falsch sei:

Griechen, die an den Thermophylen ihre zivilisatorischen Errungenschaften gegen die Perser verteidigten, vorzuwerfen, sie wären Anhänger der Sklavenhaltergesellschaft gewesen.

xerxes
Der effeminierte Orientale

Genozid für den Fortschritt

Karl Marx hat sich im Fall der Vertreibung der Indianer in Nordamerika positiv geäußert.1 Der Drang der weißen Siedler nach Westen war notwendig, um die feudalen Strukturen aufzubrechen

So ein AANO-Sprecher in einem Interview mit der Jungen Welt.
Davon abgesehen, dass es im vorkolonialen Nordamerika gar keine feudalen Strukturen gab und diese Behauptung der geschichtsteleologischen ML-Stadientheorie geschuldet ist zeigt es doch den Widerspruch zu den Grundannahmen der Kritischen Theorie, auf die sich Post-Antideutsche immer noch berufen. Dies lässt sich an folgenden Zitaten verdeutlichen:

Daß die Geschichte eine bessere Gesellschaft aus einer weniger guten verwirklicht hat, daß sie eine noch bessere in ihrem Verlaufe verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, daß der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt. Zwischen diesen beiden Tatsachen gibt es eine Reihe von erklärenden Zusammenhängen, aber keinen rechtfertigenden Sinn.

Max Horkheimer: Ein neuer Ideologiebegriff? 1930

Selbst die Konquistadorenüberfälle auf das alte Mexiko und Peru, die dort müssen erfahren worden sein wie Invasionen von einem anderen Planeten, haben, irrational für die Azteken und Inkas, der Ausbreitung der bürgerlich rationalen Gesellschaft bis zur Konzeption von one world blutig weitergeholfen, die dem Prinzip jener Gesellschaft teleologisch innewohnt.

Theodor W. Adorno: Weltgeist und Naturgeschichte 1966

Wenngleich die Kritische Theorie selbst zum Teil fragwürdige Thesen vertrat -beispielsweise könnte man die Dialektik der Aufklärung, wo in der gesamten Menschheitsgeschichte schon die Katastrophe angelegt ist, als negative Geschichtsteleologie betrachten- so muss man ihr doch zugute halten, dass sie den Idealismus von „Fortschritt“ und „Zivilisation“ hinterfragt hat. Gerade dies ist doch ein fundamentaler Gegensatz zu den „Basisbanalitäten“, die sich die Post-Antideutschen auf die Fahnen geschrieben haben, ebenso wie deren Konsumhedonismus.

  1. Karl Marx hat sich nie in dieser Hinsicht geäußert, die Aussage ist eine Erfindung [zurück]