Archiv der Kategorie 'Sarrazin'

Der Determinismus durch die „Kultur“

Zum ersten Mal auf diesem Blog wird hier der Gastbeitrag eines weiteren Autors online gestellt. Thema ist die Rolle von „Kultur“ und Religion in aktuellen rassistischen Debatten im Zusammenhang mit Sarrazins Aussagen:

Was erklärt eigentlich der Verweis auf „Kultur“ und „Religion“? In den meisten Fällen, dass man „fremd“ ist und eine problematische „Abweichung“ darstellt, die nicht dazugehört. Begriffe wie „Kultur“ und „Religion“ sind lediglich Schlagworte, deren Inhalt ungenau bleibt, als ob damit schon ein Problem erfasst wäre. Die Mehrheit bestimmt, was die „Wahrheit“ ist, während die „Anderen“ selten eine „Stimme“ besitzen. Dabei ist auch eine Mehrheit subjektiv und hat nicht automatisch Recht (so wie dies am Beispiel der NS-Zeit klar wird).

„Rasse“ ist eine soziokulturelle Erfindung, die im Alltag hergestellt und legitimiert wird. So ging die Konstruktion einer (jüdischen) „Rasse“ bis zum Ende der NS-Zeit (vorrangig auf „naturwissenschaftlicher“ Grundlage) einher mit biologistischen Argumentationen auf breiter gesellschaftlicher Basis. „Rasse“ wurde aber immer schon – auch damals – sozial und diskursiv hergestellt (bspw. ebenso mit Hilfe der Geisteswissenschaften, Bildungsinstitutionen oder der Massenmedien). Die Argumentationen wie Problematisierungen der „Anderen“ waren damals schon ebenso kulturalistisch, und es sind, trotz der Brüche, auch heute noch ideologische Kontinuitäten erkennbar. Es gibt auch heute nicht „den“ Rassismus, sondern verschiedene „Rassismen“ und rassistische Effekte, die z.B. in vielfältige Ausschlüsse münden.

Die Debatten der letzten Tage sind gekennzeichnet von der Auffassung, dass wenn man nicht biologisch durch „die Gene“ determiniert ist, dann wohl durch „die“ „Kultur“ oder „Religion“! Während die einen per Geburt als „normale“, „aufgeklärte“ „Individuen“ erscheinen und durchgängig positiv besetzt werden, erscheinen die „Anderen“ als Repräsentant_innen eines starren, „homogenen“, abweichenden und essentiell „defizitären“ Kollektivs. Was macht die „Kultur“ oder „Religion“ eigentlich strukturell anders? Diese Frage wird für gewöhnlich stereotyp und oberflächlich beantwortet.

Es reicht z.B. aus, dass einzelne Menschen aus dem vermeintlichen „Kollektiv“ negativ auffallen, so dass sich jede_r Einzelne dafür verantworten muss – jeden Tag aufs Neue. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen sich in ihre Schutzräume zurückziehen oder Medien nutzen, in denen sie nicht permanent „entfremdet“ und diffamiert werden.

Die spezifischen strukturellen Ursachen in den Lebenswelten werden nicht genügend betrachtet, sondern die Problematik weitgehend der „Andersartigkeit“ der „Anderen“ wie „Muslim_innen“, „Türk_innen“ usw., ihren „Parallelgesellschaften“, „-welten“ oder „-dimensionen“ überantwortet (was übrigens nach dem Grad der behaupteten Segregation jeweils aufs Gleiche hinausliefe).

Die Menschen mit „Migrationshintergrund“ in den „Problembezirken“ haben z.B. zudem auch kaum (ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches) Kapital zum Wegziehen oder für „bessere“ Schulen, kriegen schlechter Wohnungen und Jobs und sind auch weniger willkommen in Gegenden, wo sie z.B. nicht ins „deutsche“ Bild passen.

Die isolierte Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von den allgemeinen sozialen Bedingungen macht keinen Sinn. Eine isolierte Bestandsaufnahme ohne Berücksichtigung rechtlicher, behördlicher, gesellschaftlicher, sozialer und alltäglicher Strukturen ist irreführend. Dabei wird allenfalls die „Schuld“, die „Unfähigkeit“, das „Un-Vermögen“ der „Anderen“ konstatiert, so dass alle sozialen Probleme auf sie projiziert und repressive Maßnahmen ergriffen werden können.

Es gibt am Ende für die Betroffenen nie ein Entkommen aus der Zuweisung auf den sozial vorgesehenen Platz als „Andere“, keine Alternativen, um dem „Stigma“ der „Andersartigkeit“ zu entgehen, mit dem man kollektiv behaftet wird! Es ist ein subjektiv durchfärbtes, ungleiches Kräfteverhältnis, das strukturell, gesamtgesellschaftlich zu ergründen ist. Denn die Menschen leben nicht isoliert für sich, sondern leben im Hier und Jetzt und möchten auch „hier“ ankommen.

(Spike)

Natascha Wiltings Kreuzzug gegen den islamischen Muessiggang

In ihrem Artikel „Zur Psychopathologie des Islam“ (neuer Titel „Die Lust an der Unlust“), über den hier schon mehrmals berichtet wurde, stellt Natascha Wilting den „moslemischen Mann“ nicht nur als sexgeilen Wahnsinnigen, sondern auch als von seinem Wesen her faul dar. So schreibt sie, dass:

„(…) ihm körperliche Arbeit, schließlich jede Entäußerung seiner selbst, ansonsten als Zumutung (…) gilt (…) und die mühsame Feldarbeit traditionell Beschäftigung der Frau war. Der moslemische Mann gefiel sich seit jeher und mit Grund besser in der Rolle des Kleinhändlers und des großen Caféhausphilosophen und -politikers.1

Ja, ihr habt richtig gelesen. Das steht dort tatsächlich. Natürlich muss das Ganze mit der üblichen „Ich bin ja kein Rassist, aber…“-Argumentation relativiert werden, was in einer Fußnote erfolgt:

„Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Nicht dem Ideal der produktiven Arbeit hängt die Autorin an, und auch nicht zur Arbeit unfähig betrachtet sie den islamischen Mann. Anliegen ist es ihr nur, zu erklären, daß ihm psychisch jegliche Affinität zur Arbeit und Fortschritt abgeht, da beide eine Veräußerung seiner selbst zur Folge hätten.“

Der Araber an sich
Haben die nichts zu arbeiten?

Ähnliche Aussagen, wie die oben getätigte, kennt man ja auch von Thilo Sarrazin:

„Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel.“

Bei Wilting spielt das Bild vom angeblich faulen Moslem jedoch eine bedeutendere Rolle. In einer Wiederkehr des Kolonialrassismus ist ihr die Arbeitsscheu des „moslemischen Mannes“ ein umfassendes Erklärungsmodell für die von ihr ausgemachten Missstände in der islamischen Welt. Warum sind die Menschen in den arabischen Ländern arm? Weil sie so faul sind, ist Wiltings Antwort. Sie spricht von:

„Ländern etwa der Arabischen Liga, deren gesamtes Bruttosozialprodukt unter dem von Spanien liegt, in denen, wer überhaupt Arbeit hat und nicht von Wohlfahrtszahlungen abhängig ist, zumeist im unproduktiven und mittels Ölrente aufgeblähten staatlichen Sektor tätig ist.“

Woher sie diese Information hat, verrät sie nicht. Abgesehen von der Frage, inwieweit man solche Zahlen überhaupt sinnvoll vergleichen kann und was daraus folgt, schneiden einige islamische Länder in der Rangordnung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf ganz schön gut ab.

Sogar die politischen Konflikte in der Region führt sie auf den Unwillen zur Arbeit zurück, da „islamische Männer“ anscheinend lieber auf dem Schlachtfeld verrecken, als auf dem Acker2 zu arbeiten:

„Kriege wie der zwischen dem Iran und dem Irak, oder auch der Überfall des baathistischen Iraks auf Kuwait können wohl als die letzten verzweifelten Versuche angesehen werden, durch Beutezüge den eigenen Herrschaftsbereich zu erweitern, sich die Welt einzuverleiben, und so zu Ehre und Reichtum zu gelangen, ohne sich produktiv verausgaben zu müssen. Statt nun aber danach zu streben, den Wert der eigenen Arbeitskraft mittels eifrigen Studiums zu erhöhen und sich so für den Markt attraktiv zu machen, verharrt der Mann zumeist in infantiler Pose.“

So fragt man sich, was ist moralisch verwerflich am Kaffeehausbesuch, am Beruf des Händlers und des Philosophen? Gehörte es nicht mal zu den „antideutschen Basisbanalitäten“ Verherrlichung der Arbeit und der Produktionssphäre als Ausdruck von Antisemitismus zu interpretieren? Wieso ist der Ölsektor unproduktiv und sollte die Autorin (zusammen mit Sarrazin) nicht mal bei Karl Marx nachschlagen, was dieser unter produktivem Kapital verstand?

  1. Auch die Georg-Weerth-Gesellschaft weiß Ähnliches zu berichten: „Zudem sind Moscheen anders als Kirchen gar keine sakralen Gebäude, sondern Orte, in denen neben dem Gebet auch Geschäfte und kulturelle wie politische Zusammenkünfte stattfinden.“ [zurück]
  2. Fabriken scheint es dort laut Wilting nicht zu geben. [zurück]