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Der Sodomievorwurf oder Abspaltung und Projektion

Der Obmann des steirischen Rings Freiheitlicher Jugendlicher (RFJ), Michael Winter (20), ist am Montag wegen Verhetzung verurteilt worden. Winter hatte in der RFJ-Zeitschrift „Tangente“ (Nr. 1/2007) Muslimen eine Tendenz zur Sodomie unterstellt und als „Sofortmaßnahme“ gegen Vergewaltigungen in Graz gefordert, „eine Schafherde im Stadtpark grasen“ zu lassen. Von Richter Georg Allmayer setzte es dafür nach knapp 20 Minuten Verhandlung drei Monate bedingt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Winter erbat Bedenkzeit.

Winter ist Sohn der steirischen FP-Politikerin Susanne Winter, der wegen ähnlicher Äußerungen ebenfalls ein Prozess droht.
Quelle: Wiener Zeitung

Auch der Mutter des Angeklagten, der Grazer FPÖ-Kommunalpolitikerin Susanne Winter, droht ein Prozess wegen Verhetzung. Sie hatte vor Monaten europaweit für Aufsehen gesorgt, als sie den Propheten Mohammed in einer Wahlkampfrede als „Kinderschänder“ verunglimpfte.

Außerdem soll sie in einer Wahldebatte die Einrichtung eines „Tierbordells“ in Graz gefordert haben, damit sich muslimische Männer nicht an Mädchen im Stadtpark vergreifen.
Quelle: Süddeutsche

Ähnliche Aussagen sind ja auch von einem Österreicher ungefähr desselben Alters bekannt und für die Hedonistische Mitte ist die Bezeichnung „Ziegenficker“

„weniger eine „Beleidigung aller Muslime“, als vielmehr eine Verharmlosung dieser Zustände“

(hxxp://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/Islam_is_lame.htm)

Zur Psychopathologie der Natascha Wilting

Im von Ljiljana Radonic und Renate Göllner herausgegebenen Sammelband „Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ wurde auch der Artikel „Zur Psychopathologie des Islam“ von Natascha Wilting in abgeänderter Form und unter dem neuen Titel „Die Lust an der Unlust oder warum der Islam so attraktiv ist“ veröffentlicht.

Mit Freud
Was würde Freud über die Person, die dieses Bild auswählte sagen?

AutorInnen und Herausgeberinnen sehen sich –wohl aufgrund des Inhalts- sehr bemüht sich von der Völkerspsychologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abzugrenzen. So schreibt Alex Gruber im Sammelband:

„Die Psychoanalyse ist aber keine Völkerspsychologie: Sie beschäftigt sich vielmehr mit der Konstitution des Individuums; ihr Untersuchungsgegenstand sind der Einzelne und seine psychischen Instanzen in Familie und Gesellschaft.“ (S. 19)

Ganz ähnlich referiert ein Blogger eine Veranstaltung mit Ljiljana Radonic:

„Die Psychoanalyse verkommt zur Völkerpsychologie, die von Kulturen, Völkern oder anderen Kollektiven ausgeht und deren „Miteinander“ verstehen, regeln usw. soll; sie erstarrt im psychoanalytischen Jargon.“

Doch genau dies geschieht im Artikel von Natascha Wilting. Eigentlich sind ihre Behauptungen sogar noch absurder als Nationalcharaktertheorien, die denken, dass sich ein „Volk“ durch eine gemeinsame „psychische Wesensart“ (Josef Stalin) auszeichne. Wiltings Aussagen scheren nämlich nicht nur die paar Millionen Menschen, die angeblich zu einem „Volk“ oder einer Nation gehören, über einen Kamm, sondern gleich mehr als eine Milliarde Menschen, nämlich alle Muslime ohne Unterschied. So spricht sie generalisierend von „dem islamischen Mädchen“ und „dem islamischen Jungen“ und tut dabei so als ob alle Muslime exakt die gleiche Sozialisation durchlaufen würden, egal ob sie als Tochter eines Ziegenhirten in Marokko oder als Sohn eines Anwalts in den USA geboren wurden.

Diese Kollektivpsychologie wurde auch von anderen Koryphäen der (post-)antideutschen Szene übernommen. Im von Thomas von der Osten-Sacken und Christian Knoop verfassten Artikel Zur Psychopathologie des Islamisten wird nicht nur generalisierend vom „islamischen Mann“ geschrieben, sondern auch abwechselnd mit „islamistischer Mann“ und „arabischer Mann“ verwendet, so als ob das alles dasselbe wäre.

Wie wenig Natascha Wilting über „den Islam“ weiß, belegt folgendes Zitat:

„Die Pflichten der Frauen beruhen- wie im übrigen sämtliche Normen und Gesetze, die das Leben der islamischen Gemeinschaft regeln- auf den Suren des Korans, den Aussprüchen des Propheten, den Hadiths und den Gesetzestexten der Scharia.“

Es gibt aber keine vier religiösen Gesetzesquellen, sondern nur die Scharia, die kein eigener Text ist, so wie Wilting sich das vorstellt, sondern sich aus den Hadiths (was eben die überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten sind1) und dem Koran speist.
Apropos Koran: die Ausgabe auf die sich Wilting stützt und für ihr als Beleg angeführt wird, wie „die Muslime“ denken, stammt von der Ahmadiyya-Gemeinde2 und hat eine andere Verszählung als die Koranversion, die im sunnitischen Islam der Standard ist. Deshalb sollte man sie eigentlich nicht zitieren, wie man dem Studienleitenfaden für Erstsemester des Instituts für Islamwissenschaft in Berlin entnehmen kann.
Dort erfährt man auch, wo Gerhard Scheit seine Koranausgabe gekauft hat:

Eine vor allem im Billigsegment (Buchclubs u.ä.) immer wieder aufgelegte Übersetzung von 1916, die miserabel ist und keinesfalls verwendet werden sollte.

„Die Lust and der Unlust“ strotzt nur so von abstrusen Behauptungen. Die Körperrasur von muslimischen Frauen ist ihr ein Beleg dafür, dass „der islamische Mann“ per se ein verkappter Kinderschänder ist:

„Daß die Frau oftmals weitaus jünger ist als der Mann und, bis auf das Haupthaar, gänzlich ohne Haare zu sein hat, zeigt nur einmal mehr, daß es nicht Ziel des moslemischen Gatten ist, mit einer ihm ebenbürtigen Partnerin sich ekstatisch im Spiel der Lust zu verlieren, sondern dass ihm bloß danach gelüstet, etwas, was so kindlich erscheint, wie er ist, sich einzuverleiben.“

Auch wenn es in der „westlichen Zivilisation“ (Wilting) ein Trend ist, sich die Körperhaare abzurasieren und die Frau dort häufig jünger als der Mann ist, scheint es sich dabei nicht um eine Pathologie zu handeln.

Aus folgendem Zitatvergleich leitet sie die Identität zwischen Nationalsozialismus und Islam her:

Ähnlich wie man sich hierzulande ehemals mittels einem zackig vorgetragenem: „Unsere Ehre heißt Treue!“, dem deutschen Staat andiente und sich von diesem erhoffte, daß er als Garant der eigenen Ehre auftrete, unterwerfen sich die gläubigen Moslems ganz der Willkür ihres Gottes, denn: „Wer Allah ehrt, dem wird Ehre zuteil werden.“

Es kommt doch tatsächlich in beiden Sätzen das Wort „Ehre“ vor!

Über Natascha Wiltings Hirngespinste wird hier noch mehrmals berichtet werden. In unbestimmter Zeit wird noch erscheinen:

Märchentante Natascha Wilting über das Stillen des „islamischen Jungen“ bis zum achten Lebensjahr

Völkerspsychologin Natascha Wilting über den „faulen Moslem“, der nicht arbeiten will und deshalb lieber Händler wird

Was in Wiltings Quellen wirklich steht

  1. Im schiitischen Islam auch die der Imame und von Fatima. [zurück]
  2. Dieser zahlenmäßig relativ kleinen Gruppe wurde in Pakistan der Status als Muslime abgesprochen. Dort sind ihre Anhänger auch manchmal Angriffen durch Islamisten ausgesetzt. [zurück]

NS-Relativierung auf (anti-)deutsch

Zum Orientalismus gehört die Vorstellung von der „orientalischen Despotie“, an die der Historiker Ernst Nolte bei seiner Entsorgung von Auschwitz anknüpfte, als er suggestiv fragte, ob die Nazis eine „asiatische Tat“ begangen hätten; auf dieser Linie liegt auch die im zweiten Golfkrieg propagierte Analogie von Saddam Hussein und Hitler, deren Crux darin lag, dass nicht Saddam als eine Art Hitler Nr. 2, sondern Hitler als eine Art Saddam Nr. 1 phantasiert wurde.
Aus: Handbuch Antirassismus (2002)

Passend wie die Faust auf’s Auge schreibt die ISF:

Der Nazifaschismus ermordete die Juden, um die Volksgemeinschaft herzustellen, d.h. letztlich, die bürgerliche Gesellschaft, aus deren Zusammenbruchskrise er entstand, als Naturzusammenhang und eine Art Ameisenstaat zu retten. In diesem Sinne war Hitler der erste Djihadist, und ein kluger Beobachter wie Winston Churchill kam, auf die Frage, was für ein Buch denn “Mein Kampf” sei, darauf, es sei dies “der neue Koran” für Deutsche.

„…über Agenten und Zionisten“

Terminal 119 und Café Morgenland mit einem neuen Text über Antisemitismus und Rassismus in Griechenland, vor allem am Fall von Konstantinos Plevris.

„Es gibt in Deutschland keinen Rassismus“

Es gibt Kommentare, die nicht zu Unrecht im Spamfilter landen:

Yo yo yo! ALTA! Yo yo yo!

“Da ersetzt du jetzt Herkunft mit Umfeld.
Warum sollen Türken oder Araber denn gewalttätiger sein als andere?
Zudem ist es völkisch, Leuten, die hier sozialisiert wurden und aufgewachsen sind, zu kulturell Anderen zu machen.”

Natürlich sind die, bist du, seid ihr kulturell andere… ihr redet wie Sonderschüler aus der Behindertenwerkstatt (”Isch, äh, isch…”) , führt euch auf wie absolute Idioten…. was soll der scheiß? Ihr habt bräunliche Haut, spielt eure schwulen Heulschwuchtelklingeltöne in der U-Bahn ab? Dffff…! Ein Witz oder? Rassismus? Es gibt in Deutschland keinen Rassismus. PUNKT. Geh nach Italien, da gibt es Rassismus, da brennen sie Zigeunercamps nieder. Passiert das hier? Nein. “Völkisch”? Pfff. Die einzigen, die hier “völkisch” sind, seid ihr Türken und Araber. Leb damit man, wenn du so voll Hass bist, dann erschieß deine Schwester, aber piss den guten Leuten aus Deutschland nicht ans Bein, du Kanacke!!! Und nein, ihr werdet hier nie akzeptiert werden, live with it!

Ethnisierung des Sexismus

Als Ergänzung zu Schattenkontrastierens Bericht über den Anti-muslimischen Geschlechterdiskurs poste ich einige Auszüge aus einem Aufsatz von Margarete Jäger namens Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Der Artikel wurde schon 1996 unter dem Titel „irgendwie steckt das doch in ihm, daß er… anders ist wie en deutscher Mann“ veröffentlicht und ist wohl heute weitaus aktueller als damals:

Untersuchungen zum Einwanderungsdiskurs in Deutschland haben sich immer wieder mit einer Argumentationsfigur auseinanderzusetzen, die ich im folgenden als Ethnisierung von Sexismus bezeichne. Sie zeigt eine Diskursverschränkung an, die ganz besondere Wirkungen entfaltet. Kaum jemanden ist wohl die Auffassung noch nicht begegnet, daß türkische oder moslemische Männer besonders sexistisch seien, daß sie Frauen in besonderer Weise unterdrückten. Dieses Argument dient dann häufig als Begründung dafür, daß ein Zusammenleben mit Türken oder Moslems für ‚uns’ nur schwer oder gar nicht möglich ist. Sehr häufig wird dieser ethnisierte Sexismus auch mit dem Islam in Verbindung gebracht, wenn etwa angenommen wird, der Koran schreibe Männern die Herrschaft über Frauen geradezu vor.
(…)

Bei einer ‚statischen’ Ethnisierung von Sexismus wird das Geschlechterverhältnis zu einem Merkmal von Rassenkonstruktion. Sexismus wird z.B. als eine natürliche Eigenschaft von Moslems definiert. Diese Form von Ethnisierung von Sexismus verweist auf einen ihr zugrundeliegenden Rassismus, und sie muß als eine Ausdrucksform von Rassismus begriffen werden.
(…)

Dies wird in einem zugrunde liegenden Interview mit „Florian“ deutlich:

Florian nimmt hier zwar keine biologische Naturalisierung in dem Sinne vor, daß er unterstellt, moslemische Männer seien von Natur aus dominant. Vielmehr betrachtet er die moslemische Erziehung als so prägend, daß eine Veränderung des Einzelnen ihm danach nicht mehr möglich erscheint. Auf diese Weise konstruiert er Sexismus zu einem Charakteristikum des moslemischen Mannes. Die Erziehung kann in diesem Sinne als eine zweite Natur angesehen werden. Entscheidend ist dabei, daß die Vorherrschaft des Mannes als ein Bestandteil islamischer Religion unterstellt wird. Florian argumentiert hier also kulturrassistisch.

Pogromo über Türken und Araber

Im Artikel Mit Allah gegen die Scheißdeutschen.
In Köln-Kalk formiert sich antideutscher Protest
der Zeitschrift Pogromo (hxxp://prodomo.50webs.net/8/mit_allah_gegen_die_scheissdeutschen.html) werden humanethologische Erkenntnisse über Türken und Araber präsentiert. Anlass ist die Tötung eines arabischen Jugendlichen durch einen Deutschen:

Bei etwa 65.000 Türken und etwa 13.000 Arabern, die in Köln leben (etwa 8% der Bevölkerung), kann man kaum von einer wehrlosen Minderheit sprechen, zumal die Ideologie des Türken- bzw. Arabertums im Zusammenspiel mit dem Ausschluss der Männer aus dem häuslichen Bereich gerade die Jugendlichen zu Banden zusammenschweißt, die auf den Straßen ihr Unwesen treiben. Werden Türken oder Araber Opfer neonazistischer Angriffe, dann zumeist wenn sie nicht im Gruppenverband auftreten. Insofern lässt sich durchaus konstatieren, dass die Präsenz von Neonazis auf den Straßen auch die Entwicklung bandenförmiger Strukturen unter den migrantischen Jugendlichen vorangetrieben hat. Wolfgang Pohrt fasste diesen Zusammenhang vor einigen Jahren so zusammen: Ein „fröhliches Kräftemessen also, aber keineswegs ‚alltägliche rassistische Gewalt’ dergestalt, dass deutsche Täter ausländische Opfer quälen.“

Schließlich wird auch noch eine Welle von rassistischen Übergriffen, ausgehend von Türken=Arabern=Moslems=Islamisten=Nazis, herbeiphantasiert. Opfer wären vor allem Deutsche aber auch Schwarze:

Und der rassistische Charakter, der immer nur den Nazis zugeordnet wird, betrifft ebenfalls eine steigende Mehrheit türkischer und arabischer Jugendlicher: „Was die Ressentiments gegen Ausländer betrifft, so sprechen übrigens Indizien und die Meinung von Insidern dafür, dass sich dergleichen am stärksten bei türkischen Jugendlichen entwickelt, nämlich ein ausgeprägter Deutschenhass.“
(…)
Schwarzafrikaner etwa, sind von antischwarzem Rassismus moslemischer Prägung ebenso bedroht wie durch deutsche Neonazis. Erst im Januar war ein 22-jähriger Kongolese mitten im Kölner Studentenviertel brutal zusammen geschlagen worden.
(…)
Sowohl vom Kongolesen als auch weiteren Zeugen der Auseinandersetzung wurden die Täter, die das Opfer geschlagen haben sollen, bei der späteren Vernehmung als ‚mediterrane Erscheinung’ bezeichnet.
(…)
Nun lässt die Beschreibung „mediterran“ offen, welcher Herkunft die Täter waren (grundsätzlich hat die Antifa in Köln also richtig gehandelt als sie die Tat ohne jede weitere Täterzuordnung „rassistisch“ nannte), dass es sich jedoch um Moslems gehandelt haben könnte, ist aufgrund des manifesten antischwarzen Rassismus unter türkischen und arabischen Jugendlichen zumindest möglich.

Dass es für diese angebliche Welle von rassistischen Gewalttaten nicht einen einzigen Beleg gibt, steht in dem Artikel selbst:

Leider liegen mir keine Statistiken über rassistische Angriffe auf Schwarze von Seiten moslemischer Jugendlicher vor, was nicht auf meine Schludrigkeit zurückzuführen ist, sondern darauf, dass die institutionalisierte Empirische Sozialforschung offensichtlich keinen politischen Willen hat, dieses Phänomen zu erforschen. In der ausführlichen Untersuchung über Muslime in Deutschland, die vom Bundesinnenministerium herausgegeben wurde, fehlt dieses Feld jedenfalls gänzlich. Insofern kann ich meine Analyse an diesem Punkt lediglich auf Alltagserfahrungen sowie auf Kenntnisse über die rassistische Tradition im Islam stützen.

Hier liegt natürlich eine Verschwörung vor, angezettelt von den „Multikultis, die das Land regieren“, aber mutige Menschen wie Jan Huiskens trotzen ihr und bringen die Wahrheit ans Licht.

Pogromo
Bild: Redaktion Pogromo bei der Islamkritik

Ohne Worte II

Realsozialismus: Diktatur über die Bedürfnisse

Im Gegensatz zu anderen marxistischen Kritiken des Realsozialismus betrachtet der ungarische Dissident Ferenc Fehér diesen nicht als „degenerierten Arbeiterstaat“ oder gar als „Staatskapitalismus“, sondern als „Diktatur über die Bedürfnisse“:

Um die Struktur der osteuropäischen Gesellschaften als System der Diktatur über die Bedürfnisse zu begreifen, ist es wichtig, sie als antikapitalistische Formationen aufzufassen. Sie sind das Ergebnis antikapitalistischer Revolutionen oder der militärisch-politischen Expansion einstmals siegreicher Revolutionen und stellen eine Antwort auf den Kapitalismus dar, wenn nicht gar eine Herausfordung für ihn.
Daher können sie nicht mit den Kategorien der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften beschrieben werden, sondern müssen als sozialistische Experimente angesehen werden.

Was sind die Merkmale dieser Diktatur?

Die gesamte Gesellschaft ist in ein Konglomerat aus Lohnarbeitern verwandelt worden. Marx hatte vollständig recht, als er formulierte, die Lohnarbeit sei ein gesellschaftliches Verhältnis- diese Bestimmung gilt für die überwältigende Mehrheit der unter der Diktatur über die Bedürfnisse lebenden Bevölkerung. Die Menschen in dieser Gesellschaft haben keinen anderen Besitz als ihre Arbeitskraft und das, was sie nach den Festsetzungen der Planungselite für ihre Löhne bekommen können. Die Arbeiter können die Proportionen, die Voraussetzungen, die gesellschaftlichen Ziele und die Ergebnisse des Produktionsprozesses nicht bestimmen, und sie haben auch keinen Einfluß auf das für das Leben des einzelnen wichtigste Verhältnis: das zwischen der Arbeitszeit und der Zeit, die selbstbestimmter Aktivität gewidmet ist. Sie haben auch wenig Möglichkeiten, ihre Tätigkeit zu wählen, d.h. nach Belieben ihren Platz innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu wechseln.
(…)
Wenn die Arbeitskraft erst einmal vollständig der Planungselite unterworfen ist, kann der Staat autoritativ festlegen, was menschliche Bedürfnisse im allgmeinen sind und welche Struktur sie annehmen sollten, um mit den Zielen des Systems überein zu stimmen.
(…)
Die Arbeiter sind in einer Diktatur über die Bedürfnisse vollständig jeder Möglichkeit beraubt, ihre Freiheitsbedürfnisse zu artikulieren.

Wie wird sie gerechtfertigt?

Die Planung ist das höchste rationale Prinzip der Diktatur über die Bedürfnisse. Sie geht so weit, daß sie nach gesellschaftlicher Rationalität auf der Ebene der Bedürfnisse der Menschen strebt, daß sie erklärt, diese Bedürfnisse seien nicht existent und sie durch die theoretischen Rezepte der Planungselite ersetzt.(…)
Ihre anmaßenden Ansprüche, das „einzig richtige gesellschaftliche Wissen“ vorzutragen, ihr voluntaristischer Gesellschaftsentwurf und ihre pessimistische Anthropologie markieren das bedeutendste Scheitern des Rationalismus in diesem Jahrhundert.
(…)
Während die Planungselite die kapitalistische Irrationalität richtig kritisierte und das Erbe des modernen Rationalismus antrat, kassierte die marxistische Variante sogar das Recht auf kritisches Denken bei denjenigen, die nicht selbst zu Elite gehören.

Was war -unter anderem- Schuld?

Was diese radikalen Intellektuellen von Marx übernahmen, erwies sich als besonderes fatal: die Fabrik als Modell der gesellschaflichen Verhältnisse für die neue Gesellschaft. Die Wahl dieses Modells implizierte, daß Ziel-Rationalität zum Leitprinzip der radikalen Gesellschaftsvorstellungen wurde.
(…)
Die Wahl bedeutete auch, daß in diesem Modell persönliche Abhängigkeitsverhältnisse mit dem umfassenden System hierarchischer Beziehungen verknüpft wurden- eine typische Erscheinung des kapitalistischen Fabrikalltags, die vom Standpunkt sozialistischer Perspektiven aus nicht akzeptabel ist.

Alle Zitate aus: Ferenc Fehér: „Diktatur über die Bedürfnisse“. In: Ferenc Fehér, Agnes Heller: „Diktatur über die Bedürfnisse. Sozialistische Kritik osteuropäischer Gesellschaftsformationen“, S.25-43.

Der junge Marx über Geschichtsphilosophie

Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produkionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Amerikas der Zweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, wodurch dann die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält und eine „Person neben anderen Personen“ (als da sind: „Selbstbewußtsein, Kritik, Einziger“ etc.) wird, während das, was man mit den Worten „Bestimmung“, „Zweck“, „Keim“, „Idee“ der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eine Abstraktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf die spätere ausübt.

(Aus Karl Marx/Friedrich Engels Die Deutsche Ideologie)